fbpx
Wikipedia

Karatschaier

Die Karatschaier (Eigenbezeichnung: Къарачайлыла/Qaratschajlyla) sind eine turksprachige Ethnie des Kaukasusgebietes. Sie zählen zu den Turkvölkern und sind mit den benachbarten Balkaren verwandt, von denen sie durch das Massiv des Elbrus räumlich getrennt werden. Ihre Sprache Karatschaisch ist einer von fünf Dialektenen der gemeinsamen Schriftsprache Karatschai-Balkarisch, die anderen vier Dialekte werden von Balkaren gesprochen.

Karatschaische Älteste im 19. Jahrhundert
Siedlungsgebiet der Karatschaier in Kaukasien

In Russland leben nach der Volkszählung 2010 218.406 Karatschaier, davon in der russischen Teilrepublik Karatschai-Tscherkessien 194.324 (41 % der Bevölkerung). Weltweit wird ihre Zahl auf über 260.000 Menschen geschätzt, darunter noch einige muttersprachliche Nachkommen von Flüchtlingen des 19. Jahrhunderts in der Türkei.

Die Karatschaier gehören neben den Balkaren, Russlandkoreanern, Russlanddeutschen, Krimtataren, Kalmücken, Tschetschenen, Inguschen und Mescheten zu den Nationalitäten, die um den Zweiten Weltkrieg vollständig von stalinistischen NKWD-Einheiten nach Zentralasien deportiert wurden.

Inhaltsverzeichnis

Eine karatschaische Frau in Tracht

Karatschaier leben heute vor allem in der zu Russland gehörenden Republik Karatschai-Tscherkessien, wo sie mit 194.324 Menschen (fast 41 %) die größte Bevölkerungsgruppe bilden, und in der Region Stawropol (15.598 Personen) bei der Volkszählung 2010.. Hauptort ihres Siedlungsgebietes ist heute die Stadt Karatschajewsk. Sie leben auch in den Städten Ust-Dzheguta, Teberda, Dombai, Tscherkessk.

Karatschai-Balkarisch wird linguistisch dem nordwestlichen kiptschakischen Zweig der Turksprachen zugeordnet. Die nächste Verwandte ist Kumykisch in Dagestan.

Schriftlich belegt ist die karatschai-balkarische Sprache seit Beginn des 18. Jahrhunderts. Damals hatten Balkaren und Karatschaier ihre Sprache noch auf der Basis des arabischen Alphabets zu seltenen Anlässen geschrieben, wie erstmals in der sogenannten "Cholam/Chulam-Inschrift" von 1715, gefunden im balkarischen Aul Cholam, die einen politischen Schiedsspruch von 1709 niederschreibt. Seit der Zeit der frühsowjetischen Korenisazija wurde sie anfangs lateinschriftlich, später in kyrillischer Schrift allgemein durch Schulpflicht als Schriftsprache etabliert.

Bis Ende des 17. Jahrhunderts bekannten sich die Karatschaier zu einer Synthese von Christentum und vorchristlichen Traditionen. Danach traten sie zum sunnitischen Islam über. Größere Teile der Bevölkerung sind nach der atheistischen Erziehung in sowjetischer Zeit aber nicht mehr, oder nur wenig religiös.

Die Karatschaier waren, wie die meisten nordkaukasischen Völker, Halbnomaden bzw. lebten in Transhumanz. Ihre Wohnorte wechselten also zwischen sommerlich höheren Weide- und Anbaudörfern und niedrigeren Überwinterungsgebieten und die Karatschaier galten als unabhängig und kriegerisch. In vorsowjetischer Zeit standen, wie bei den Balkaren und anderen nordkaukasischen Ethnien, Fürstengeschlechter an der Spitze der Hierarchie, gefolgt von einem niederen Adel.

Die karatschaische Gesellschaft teilte sich in über 30 Clans und ein überliefertes Gewohnheitsrecht regelte Fragen des Lebens-Verhalten, Heirat, Gastfreundschaft, Vergeltung, Feste, Clanentscheidungen, Bestattung usw. Prinzipiell ist die Kultur aber stark kaukasisch beeinflusst.

Die Frage, wie turksprachige Stammesgruppen in die höchsten Regionen des Kaukasus kamen, während die meisten Turkvölker an seinem Rand leben, beschäftigte Wissenschaftler seit dem 19. Jahrhundert. Die Namen der karatschai-balkarischen Stämme lassen sich seit dem Spätmittelalter in georgischen u. a. Quellen beobachten, die Sprache ist seit dem 18. Jahrhundert schriftlich überliefert, für die Zeit davor sind also nur Indizien-Hypothesen möglich.

Einige ältere Forscher sahen darin ein Indiz, dass Turksprachen im Kaukasus am ältesten und ursprünglichsten für die Region sein könnten, woran noch heute Autoren mit turk-nationalistischer Ausrichtung festhalten, die aber auch viele andere frühe Kulturen zu vereinnahmen suchen. Ihre Argumente werden heute als wenig plausibel abgelehnt. Nach Meinung der heutigen Turkologie haben sich die Turksprachen wohl innerhalb der letzten fast 2000 Jahre aus östlichen Teilen der eurasische Steppen und den Nachbargebieten Süd- und Südwest-Sibiriens schrittweise ausgebreitet, wobei viele Details weiterhin unbekannt sind.

Ältere und nationalistische Autoren setzen oft irrtümlich die gelernte Sprache mit der Herkunft einer Ethnie gleich. In der Geschichte–auch der mitteleuropäischen–existieren viele Beispiele, dass sich unter regionalen Bevölkerungen mit mehreren Sprachen, darunter manchmal zugewanderte Sprachen, im Laufe von Generationen eine der Sprachen durchsetzte, womit die so entstandene Ethnie verschiedener Herkunft ist. Die Annahme, dass auch nur eine Ethnie vollkommen derselben Herkunft ist, hat auch die jüngere Genetik durchgängig widerlegt. Genetische Untersuchungen des väterlich vererbten Y-Chromosoms in karatschai-balkarischen Familien ergaben, dass sie zu fast einem Drittel ein Gen-Cluster aufweisen, das bei nördlichen, meist turksprachigen Steppenbewohnern häufig ist (R1aZ2123), zu fast einem Drittel ein Cluster, das für zentralkaukasische autochthone Bevölkerung typisch ist (G2a1a) und zu über einem Drittel verschiedene andere Subcluster, was also nahelegt, dass es eine teilweise Zuwanderung aus nördlichen Steppen gegeben hat.

Wann die Zuwanderung turksprachiger Gruppen war, gibt es zwei wissenschaftliche historische Hypothesen: die ältere sieht sie als Ergebnis der Einwanderung von Kiptschaken im 12./13. Jahrhundert. Das Kiptschakenreich hatte Anfang des 12. Jahrhunderts Gebiete im Westkaukasus von den Alanen erobert, in der Zeit finden sich auch erste Gräber mit steppennomadischen Begräbnissitten in der archäologischen Fundstätte in Nischni Archys in Karatschai-Tscherkessien. Der archäologisch feststellbare Zustrom nahm mit den Mongolenzügen im 13. Jahrhundert stark zu. Dafür spräche neben den archäologischen Hinweisen auch die Tatsache, dass die dem Karatschai-Balkarischen am nächsten stehende Sprache Kumykisch ist, und von den Kumyken ist die teilweise Herkunft durch Flucht vor den Mongolen auch in historischen Quellen erwähnt.

Eine jüngere Hypothese verweist darauf, dass im 6./7. Jahrhundert turksprachige Bolgaren und Sabiren, später auch Chasaren in westliche Teile Alaniens einwanderten. Dafür spräche neben archäologischen Befunden und Angaben historischer Quellen, dass der Name der Balkaren, in russischen Quellen des 17. Jahrhunderts noch bolchary oder bolgary genannt, wohl auf die Bolgaren zurückgeht – wobei als Namensgeber auch im 12. Jahrhundert eine Gruppe von Bolgaren aus der Region um Stawropol in Frage kommt, der sich als Unterverband den Chasaren, später den Kiptschaken angeschlossen hatte. Vielleicht waren die älteren Bolgaren schon verschwunden, als die Kiptschaken ankamen, oder es gab mehrere Zuwanderungswellen. Wahrscheinlichkeitsrechnungen auf Basis erster genetischer Untersuchungen zur Ausbreitung der Turk-Nomaden, die aber noch Ungenauigkeiten aufweisen können, ergaben, dass es etwa im 7.–11. Jahrhundert Zuwanderungen gegeben haben könnte.

Ob im 6./7. oder 12./13. Jahrhundert eingewandert, die turksprachigen Gruppen waren wohl bis ins 14. Jahrhundert Teil der alanischen Stämmeunion, assimilierten sprachlich die Vorbewohner und setzten im Westen ihre Turksprache durch, bevor sie vor den Kriegszügen Timurs und der folgenden Expansion kabardinischer Fürsten in den Zentralkaukasus im 15. Jahrhundert höher ins Bergland zogen oder ihrerseits assimiliert wurden.

Offiziere der nordkaukasischen Wilden Division zur Zeit des Kornilow-Putsches 1917.

Die Karatschaier sind seit dem 15. Jahrhundert nachweisbar. Im 16. Jahrhundert kamen sie in den Einflussbereich des Krimkhanates und etwas später unter den Einfluss des Osmanischen Reiches. Ende des 17. Jahrhunderts wurden sie vor allem durch Krimtataren zum Islam bekehrt. Karatschai wurde im Jahr 1828 durch das russische Kaiserreich nach der 12-Stunden-Schlacht in der Nähe des Berges Hasauk erobert. Nach der Niederlage in der Schlacht akzeptierte der Herrscher von Karatschai, Fürst Islam Krymschamchalow, die Staatsbürgerschaft des russischen Kaiserreichs. Viele Karatschaier beteiligten sich danach aber im Kaukasuskrieg des 19. Jahrhunderts am Aufstand unter Imam Schamil, nach deren Ende nach Schätzungen die Mehrheit der Karatschaier ins Osmanische Reich flüchtete. Die Zurückgebliebenen wurden im Zarenreich einer weitgehenden Selbstverwaltung überlassen, weshalb diese teilweise loyal waren. Einige Karatschaier dienten im Ersten Weltkrieg in der Wilden Division.

Mahnmal für die Opfer der stalinistischen Deportation aller Karatschaier 1943 und ihre Verbannung in Mittelasien bis 1957 in Utschkeken.

In der Zeit der stalinistischen gewaltsamen Zwangskollektivierung der Landwirtschaft 1929–33 und der großen Terror-Säuberung 1936–38 kam es in den Berggebieten der Karatschaier, wie auch in den Berggebieten Kabardino-Balkariens und Tschetscheno-Inguschetiens zu so breiten Widerständen, dass die Kollektivierung zeitweilig abgebrochen werden musste. Im Zweiten Weltkrieg war das Siedlungsgebiet der Karatschaier vom Juli 1942 (Unternehmen Edelweiß) bis Januar 1943 (Nordkaukasische Operation) zeitweilig von der Wehrmacht besetzt. Aufgrund ihres Widerstandes gegen die 1943 wiedereinrückende Rote Armee wurden sie auf Befehl Josef Stalins unter dem Vorwurf der Kollaboration mit der Wehrmacht vollständig mit allen Männern, Frauen, Kindern und Alten vom 2. bis 22. November 1943 von NKWD-Einheiten verhaftet und nach Mittelasien verbannt, wobei sehr viele Deportierte umkamen. Der Hintergrund des Kollaborationsvorwurfes an eine ganze Ethnie wird seit langem diskutiert. Zwar existierte ein selbsterklärtes „Karatschaisches Nationalkomitee“ unter Kadi Bairamukow, das offen mit den Deutschen kollaborierte, aber dessen Unterstützung in der Bevölkerung war wahrscheinlich viel geringer, als der Name vermuten lässt. Viele Fachhistoriker gehen deshalb davon aus, dass schon die Widerstände vor dem Weltkrieg, Probleme beim Erreichen der Freiwilligen-Quoten für die Rote Armee und schließlich Widerstände gegen die Wiedereinführung stalinistischer Maßnahmen 1943 eher die Ursache der Deportation mit ihren großen Opferzahlen war, als die offiziell angeführte Kollaboration, an der sich nur eine Minderheit beteiligte. Nikita Chruschtschow rehabilitierte die Karatschaier 1957 und sie durften zurückkehren.

Zusammen mit den Tscherkessen haben sie heute im Kaukasus wieder eine eigene autonome Republik Karatschai-Tscherkessien innerhalb Russlands. Deren Zusammenhalt war zeitweilig 1996 bis 1999 gefährdet, weil tscherkessische Vereinigungen die Unabhängigkeit forderten. Nach dem Jahr 2000 hat sich die Lage stabilisiert. Bereits seit den 1960er Jahren ist das Elbrus-Gebiet eine wirtschaftlich aufstrebende Region des Tourismus.

  1. .
  2. , Excel-Tabelle 7, Zeile 488.
  3. , Excel-Tabelle 7, Zeile 488 und Zeile 537.
  4. , 2010.
  5. Lars Johanson, Éva Ágnes Csató: The Turkic Languages. London, New York 1998, S. 68; Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: Die frühen Türken in Zentralasien: Eine Einführung in ihre Geschichte und Kultur. Darmstadt 2011, S. 5–29.
  6. Ergebnisse der Y-DNA-Untersuchungen bis in die einzelnen Familien aufgeschlüsselt bei: Tscherkessk, Moskau, Karatschajewsk 2016. (russisch)
  7. Vgl. (russisch). Er hält auch diese 2. Hypothese für gut möglich.
  8. - siehe den "ALDER"-Test in der Mitte des Textes, bei dem sie aber mögliche Fehler einräumen und der auch bei Mittelasien und Westasien einige unerwartete Ergebnisse zeigt.
  9. Zur Siedlungsgeschichte, siehe (russisch). Rot gestrichelt: Grenzen der alanischen Stämmeunion im 6.–13. Jh., blaues Feld: Bolgaren u. a. in Alanien im 7. Jh., Gebiet A: Kiptschaken, die an der Ethnogenese der Karatschai-Balkaren beteiligt waren, Gebiet B: Kiptschaken, die an der Ethnogenese der Kumyken beteiligt waren, gelbes Feld: Karatschai-balkarische Stämme höher im Kaukasus im 17. Jh.
  10. Heinz-Gerhard Zimpel: Lexikon der Weltbevölkerung, S. 260
  11. R.M Begeulow: (russisch), Tscherkessk 2002, S. 115.
  12. Gerhard Simon: Nationalismus und Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion: Von der Diktatur zur nachstalinistischen Gesellschaft. S. 120.
  13. Jeronim Perović: Der Nordkaukasus unter russischer Herrschaft. Köln 2015, S. 430–441.
  • Rudolf A. Mark: Die Völker der ehemaligen Sowjetunion/GUS. Die Nationalitäten der GUS, Georgiens und der baltischen Republiken. Ein Lexikon. Opladen 1992, Eintrag "Karatschaier".
  • Swetlana Tscherwonnaja: Die Karatschaier und Balkaren im Nordkaukasus : Konflikte und ungelöste Probleme. Köln 1999.
  • Heinz-Gerhard Zimpel: Lexikon der Weltbevölkerung. Geografie – Kultur – Gesellschaft, Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Hamburg 2000, ISBN 3-933203-84-8.
Commons: Karatschaier – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Reportage des Radiosenders „Stimme Russlands“

Karatschaier
karatschaier, turkvolk, russland, sprache, beobachten, bearbeiten, eigenbezeichnung, Къарачайлыла, qaratschajlyla, sind, eine, turksprachige, ethnie, kaukasusgebietes, zählen, turkvölkern, sind, benachbarten, balkaren, verwandt, denen, durch, massiv, elbrus, r. Karatschaier Turkvolk in Russland Sprache Beobachten Bearbeiten Die Karatschaier Eigenbezeichnung Karachajlyla Qaratschajlyla sind eine turksprachige Ethnie des Kaukasusgebietes Sie zahlen zu den Turkvolkern und sind mit den benachbarten Balkaren verwandt von denen sie durch das Massiv des Elbrus raumlich getrennt werden Ihre Sprache Karatschaisch ist einer von funf Dialektenen der gemeinsamen Schriftsprache Karatschai Balkarisch die anderen vier Dialekte werden von Balkaren gesprochen Karatschaische Alteste im 19 Jahrhundert Siedlungsgebiet der Karatschaier in Kaukasien In Russland leben nach der Volkszahlung 2010 218 406 Karatschaier 1 davon in der russischen Teilrepublik Karatschai Tscherkessien 194 324 41 der Bevolkerung 2 Weltweit wird ihre Zahl auf uber 260 000 Menschen geschatzt darunter noch einige muttersprachliche Nachkommen von Fluchtlingen des 19 Jahrhunderts in der Turkei Die Karatschaier gehoren neben den Balkaren Russlandkoreanern Russlanddeutschen Krimtataren Kalmucken Tschetschenen Inguschen und Mescheten zu den Nationalitaten die um den Zweiten Weltkrieg vollstandig von stalinistischen NKWD Einheiten nach Zentralasien deportiert wurden Inhaltsverzeichnis 1 Siedlungsraum 2 Sprache 3 Religion 4 Tradition 5 Ethnogenese 6 Geschichte 7 Siehe auch 8 Einzelnachweise 9 Literatur 10 WeblinksSiedlungsraum Bearbeiten Eine karatschaische Frau in Tracht Karatschaier leben heute vor allem in der zu Russland gehorenden Republik Karatschai Tscherkessien wo sie mit 194 324 Menschen fast 41 die grosste Bevolkerungsgruppe bilden und in der Region Stawropol 15 598 Personen bei der Volkszahlung 2010 3 Hauptort ihres Siedlungsgebietes ist heute die Stadt Karatschajewsk Sie leben auch in den Stadten Ust Dzheguta Teberda Dombai Tscherkessk Sprache BearbeitenKaratschai Balkarisch wird linguistisch dem nordwestlichen kiptschakischen Zweig der Turksprachen zugeordnet Die nachste Verwandte ist Kumykisch in Dagestan Schriftlich belegt ist die karatschai balkarische Sprache seit Beginn des 18 Jahrhunderts Damals hatten Balkaren und Karatschaier ihre Sprache noch auf der Basis des arabischen Alphabets zu seltenen Anlassen geschrieben wie erstmals in der sogenannten Cholam Chulam Inschrift von 1715 gefunden im balkarischen Aul Cholam die einen politischen Schiedsspruch von 1709 niederschreibt 4 Seit der Zeit der fruhsowjetischen Korenisazija wurde sie anfangs lateinschriftlich spater in kyrillischer Schrift allgemein durch Schulpflicht als Schriftsprache etabliert Religion BearbeitenBis Ende des 17 Jahrhunderts bekannten sich die Karatschaier zu einer Synthese von Christentum und vorchristlichen Traditionen Danach traten sie zum sunnitischen Islam uber Grossere Teile der Bevolkerung sind nach der atheistischen Erziehung in sowjetischer Zeit aber nicht mehr oder nur wenig religios Tradition BearbeitenDie Karatschaier waren wie die meisten nordkaukasischen Volker Halbnomaden bzw lebten in Transhumanz Ihre Wohnorte wechselten also zwischen sommerlich hoheren Weide und Anbaudorfern und niedrigeren Uberwinterungsgebieten und die Karatschaier galten als unabhangig und kriegerisch In vorsowjetischer Zeit standen wie bei den Balkaren und anderen nordkaukasischen Ethnien Furstengeschlechter an der Spitze der Hierarchie gefolgt von einem niederen Adel Die karatschaische Gesellschaft teilte sich in uber 30 Clans und ein uberliefertes Gewohnheitsrecht regelte Fragen des Lebens Verhalten Heirat Gastfreundschaft Vergeltung Feste Clanentscheidungen Bestattung usw Prinzipiell ist die Kultur aber stark kaukasisch beeinflusst Ethnogenese BearbeitenDie Frage wie turksprachige Stammesgruppen in die hochsten Regionen des Kaukasus kamen wahrend die meisten Turkvolker an seinem Rand leben beschaftigte Wissenschaftler seit dem 19 Jahrhundert Die Namen der karatschai balkarischen Stamme lassen sich seit dem Spatmittelalter in georgischen u a Quellen beobachten die Sprache ist seit dem 18 Jahrhundert schriftlich uberliefert fur die Zeit davor sind also nur Indizien Hypothesen moglich Einige altere Forscher sahen darin ein Indiz dass Turksprachen im Kaukasus am altesten und ursprunglichsten fur die Region sein konnten woran noch heute Autoren mit turk nationalistischer Ausrichtung festhalten die aber auch viele andere fruhe Kulturen zu vereinnahmen suchen Ihre Argumente werden heute als wenig plausibel abgelehnt Nach Meinung der heutigen Turkologie haben sich die Turksprachen wohl innerhalb der letzten fast 2000 Jahre aus ostlichen Teilen der eurasische Steppen und den Nachbargebieten Sud und Sudwest Sibiriens schrittweise ausgebreitet wobei viele Details weiterhin unbekannt sind 5 Altere und nationalistische Autoren setzen oft irrtumlich die gelernte Sprache mit der Herkunft einer Ethnie gleich In der Geschichte auch der mitteleuropaischen existieren viele Beispiele dass sich unter regionalen Bevolkerungen mit mehreren Sprachen darunter manchmal zugewanderte Sprachen im Laufe von Generationen eine der Sprachen durchsetzte womit die so entstandene Ethnie verschiedener Herkunft ist Die Annahme dass auch nur eine Ethnie vollkommen derselben Herkunft ist hat auch die jungere Genetik durchgangig widerlegt Genetische Untersuchungen des vaterlich vererbten Y Chromosoms in karatschai balkarischen Familien ergaben dass sie zu fast einem Drittel ein Gen Cluster aufweisen das bei nordlichen meist turksprachigen Steppenbewohnern haufig ist R1aZ2123 zu fast einem Drittel ein Cluster das fur zentralkaukasische autochthone Bevolkerung typisch ist G2a1a und zu uber einem Drittel verschiedene andere Subcluster was also nahelegt dass es eine teilweise Zuwanderung aus nordlichen Steppen gegeben hat 6 Wann die Zuwanderung turksprachiger Gruppen war gibt es zwei wissenschaftliche historische Hypothesen die altere sieht sie als Ergebnis der Einwanderung von Kiptschaken im 12 13 Jahrhundert Das Kiptschakenreich hatte Anfang des 12 Jahrhunderts Gebiete im Westkaukasus von den Alanen erobert in der Zeit finden sich auch erste Graber mit steppennomadischen Begrabnissitten in der archaologischen Fundstatte in Nischni Archys in Karatschai Tscherkessien Der archaologisch feststellbare Zustrom nahm mit den Mongolenzugen im 13 Jahrhundert stark zu Dafur sprache neben den archaologischen Hinweisen auch die Tatsache dass die dem Karatschai Balkarischen am nachsten stehende Sprache Kumykisch ist und von den Kumyken ist die teilweise Herkunft durch Flucht vor den Mongolen auch in historischen Quellen erwahnt Eine jungere Hypothese verweist darauf dass im 6 7 Jahrhundert turksprachige Bolgaren und Sabiren spater auch Chasaren in westliche Teile Alaniens einwanderten Dafur sprache neben archaologischen Befunden und Angaben historischer Quellen dass der Name der Balkaren in russischen Quellen des 17 Jahrhunderts noch bolchary oder bolgary genannt wohl auf die Bolgaren zuruckgeht wobei als Namensgeber auch im 12 Jahrhundert eine Gruppe von Bolgaren aus der Region um Stawropol in Frage kommt der sich als Unterverband den Chasaren spater den Kiptschaken angeschlossen hatte 7 Vielleicht waren die alteren Bolgaren schon verschwunden als die Kiptschaken ankamen oder es gab mehrere Zuwanderungswellen Wahrscheinlichkeitsrechnungen auf Basis erster genetischer Untersuchungen zur Ausbreitung der Turk Nomaden die aber noch Ungenauigkeiten aufweisen konnen ergaben dass es etwa im 7 11 Jahrhundert Zuwanderungen gegeben haben konnte 8 Ob im 6 7 oder 12 13 Jahrhundert eingewandert die turksprachigen Gruppen waren wohl bis ins 14 Jahrhundert Teil der alanischen Stammeunion assimilierten sprachlich die Vorbewohner und setzten im Westen ihre Turksprache durch bevor sie vor den Kriegszugen Timurs und der folgenden Expansion kabardinischer Fursten in den Zentralkaukasus im 15 Jahrhundert hoher ins Bergland zogen oder ihrerseits assimiliert wurden 9 10 Geschichte Bearbeiten Offiziere der nordkaukasischen Wilden Division zur Zeit des Kornilow Putsches 1917 Die Karatschaier sind seit dem 15 Jahrhundert nachweisbar Im 16 Jahrhundert kamen sie in den Einflussbereich des Krimkhanates und etwas spater unter den Einfluss des Osmanischen Reiches Ende des 17 Jahrhunderts wurden sie vor allem durch Krimtataren zum Islam bekehrt Karatschai wurde im Jahr 1828 durch das russische Kaiserreich nach der 12 Stunden Schlacht in der Nahe des Berges Hasauk erobert Nach der Niederlage in der Schlacht akzeptierte der Herrscher von Karatschai Furst Islam Krymschamchalow die Staatsburgerschaft des russischen Kaiserreichs 11 Viele Karatschaier beteiligten sich danach aber im Kaukasuskrieg des 19 Jahrhunderts am Aufstand unter Imam Schamil nach deren Ende nach Schatzungen die Mehrheit der Karatschaier ins Osmanische Reich fluchtete Die Zuruckgebliebenen wurden im Zarenreich einer weitgehenden Selbstverwaltung uberlassen weshalb diese teilweise loyal waren Einige Karatschaier dienten im Ersten Weltkrieg in der Wilden Division Mahnmal fur die Opfer der stalinistischen Deportation aller Karatschaier 1943 und ihre Verbannung in Mittelasien bis 1957 in Utschkeken In der Zeit der stalinistischen gewaltsamen Zwangskollektivierung der Landwirtschaft 1929 33 und der grossen Terror Sauberung 1936 38 kam es in den Berggebieten der Karatschaier wie auch in den Berggebieten Kabardino Balkariens und Tschetscheno Inguschetiens zu so breiten Widerstanden dass die Kollektivierung zeitweilig abgebrochen werden musste 12 Im Zweiten Weltkrieg war das Siedlungsgebiet der Karatschaier vom Juli 1942 Unternehmen Edelweiss bis Januar 1943 Nordkaukasische Operation zeitweilig von der Wehrmacht besetzt Aufgrund ihres Widerstandes gegen die 1943 wiedereinruckende Rote Armee wurden sie auf Befehl Josef Stalins unter dem Vorwurf der Kollaboration mit der Wehrmacht vollstandig mit allen Mannern Frauen Kindern und Alten vom 2 bis 22 November 1943 von NKWD Einheiten verhaftet und nach Mittelasien verbannt wobei sehr viele Deportierte umkamen Der Hintergrund des Kollaborationsvorwurfes an eine ganze Ethnie wird seit langem diskutiert Zwar existierte ein selbsterklartes Karatschaisches Nationalkomitee unter Kadi Bairamukow das offen mit den Deutschen kollaborierte aber dessen Unterstutzung in der Bevolkerung war wahrscheinlich viel geringer als der Name vermuten lasst Viele Fachhistoriker gehen deshalb davon aus dass schon die Widerstande vor dem Weltkrieg Probleme beim Erreichen der Freiwilligen Quoten fur die Rote Armee und schliesslich Widerstande gegen die Wiedereinfuhrung stalinistischer Massnahmen 1943 eher die Ursache der Deportation mit ihren grossen Opferzahlen war als die offiziell angefuhrte Kollaboration an der sich nur eine Minderheit beteiligte 13 Nikita Chruschtschow rehabilitierte die Karatschaier 1957 und sie durften zuruckkehren Zusammen mit den Tscherkessen haben sie heute im Kaukasus wieder eine eigene autonome Republik Karatschai Tscherkessien innerhalb Russlands Deren Zusammenhalt war zeitweilig 1996 bis 1999 gefahrdet weil tscherkessische Vereinigungen die Unabhangigkeit forderten Nach dem Jahr 2000 hat sich die Lage stabilisiert Bereits seit den 1960er Jahren ist das Elbrus Gebiet eine wirtschaftlich aufstrebende Region des Tourismus Siehe auch BearbeitenKaukasus Tataren Islam in Russland Einzelnachweise Bearbeiten Excel Tabelle 5 Zeile 85 Ergebnisse der Volkszahlung Russlands 2010 Excel Tabelle 7 Zeile 488 Ergebnisse der Volkszahlung Russlands 2010 Excel Tabelle 7 Zeile 488 und Zeile 537 Hamid Haschimowitsch Malkondujew Uber die balkarisch karatschaischen Tore eine Art Dorfrate 2010 Lars Johanson Eva Agnes Csato The Turkic Languages London New York 1998 S 68 Wolfgang Ekkehard Scharlipp Die fruhen Turken in Zentralasien Eine Einfuhrung in ihre Geschichte und Kultur Darmstadt 2011 S 5 29 Ergebnisse der Y DNA Untersuchungen bis in die einzelnen Familien aufgeschlusselt bei A Ch A Katschijew T B Usdenow Ch B Chasanow Strukturen der karatschaischen Familienherkunft und ihre Korrelation zu den Resultaten Y chromosomaler DNA Untersuchungen Tscherkessk Moskau Karatschajewsk 2016 russisch Vgl Wladimir Aleksandrowitsch Kusnezow Abriss der alanischen Geschichte Kapitel 9 1 neunter Absatz russisch Er halt auch diese 2 Hypothese fur gut moglich Yunusbayev B Metspalu M Metspalu E Valeev A Litvinov S Valiev R et al 2015 The Genetic Legacy of the Expansion of Turkic Speaking Nomads across Eurasia PLoS Genet 11 4 siehe den ALDER Test in der Mitte des Textes bei dem sie aber mogliche Fehler einraumen und der auch bei Mittelasien und Westasien einige unerwartete Ergebnisse zeigt Zur Siedlungsgeschichte siehe diese Karte im Atlas der nordkaukasischen Geschichte des Historikers Artur Zuzijew russisch Rot gestrichelt Grenzen der alanischen Stammeunion im 6 13 Jh blaues Feld Bolgaren u a in Alanien im 7 Jh Gebiet A Kiptschaken die an der Ethnogenese der Karatschai Balkaren beteiligt waren Gebiet B Kiptschaken die an der Ethnogenese der Kumyken beteiligt waren gelbes Feld Karatschai balkarische Stamme hoher im Kaukasus im 17 Jh Heinz Gerhard Zimpel Lexikon der Weltbevolkerung S 260 R M Begeulow Karatschaier im Kaukasuskrieg des 19 Jahrhunderts russisch Tscherkessk 2002 S 115 Gerhard Simon Nationalismus und Nationalitatenpolitik in der Sowjetunion Von der Diktatur zur nachstalinistischen Gesellschaft S 120 Jeronim Perovic Der Nordkaukasus unter russischer Herrschaft Koln 2015 S 430 441 Literatur BearbeitenRudolf A Mark Die Volker der ehemaligen Sowjetunion GUS Die Nationalitaten der GUS Georgiens und der baltischen Republiken Ein Lexikon Opladen 1992 Eintrag Karatschaier Swetlana Tscherwonnaja Die Karatschaier und Balkaren im Nordkaukasus Konflikte und ungeloste Probleme Koln 1999 Heinz Gerhard Zimpel Lexikon der Weltbevolkerung Geografie Kultur Gesellschaft Nikol Verlagsgesellschaft mbH amp Co KG Hamburg 2000 ISBN 3 933203 84 8 Weblinks Bearbeiten Commons Karatschaier Sammlung von Bildern Videos und Audiodateien Die Karatschaier die Tscherkessen und die Abasinen Reportage des Radiosenders Stimme Russlands Abgerufen von https de wikipedia org w index php title Karatschaier amp oldid 214102629, wikipedia, wiki, deutsches

deutschland

buch, bücher, bibliothek

artikel

lesen, herunterladen

kostenlos

kostenloser herunterladen, MP3, Video, MP4, 3GP, JPG, JPEG, GIF, PNG, Bild, Musik, Lied, Film, Buch, Spiel, Spiele