fbpx
Wikipedia

Hidschra

Schon im Jahre 615 waren Anhänger Mohammeds, nicht jedoch der Prophet selbst, in einer ersten Welle aus dem heidnischen Mekka ins christliche Aksumitische Reich emigriert. Mohammeds Übersiedlung nach Medina 622 – die „eigentliche“ Hidschra – war somit genaugenommen der zweite derartige „Auszug“. Die mekkanischen Muslime, die Mohammed nach Medina begleiteten, werden „die Auswanderer“ („al-Muhadschirun“) genannt.

Mit der Ankunft in Medina wurde der zuvor verfolgte und von den mekkanischen Eliten gehasste Prophet sehr schnell zu einem geachteten Staatsmann und Begründer nicht nur einer Religion, sondern auch eines Staates, der sich bald nach seinem Tod mit Hilfe der islamischen Expansion zu einem Großreich entwickelte (siehe auch Kalifat).

Innerhalb der islamischen Jurisprudenz hat sich schon früh eine Theorie entwickelt, nach der die Welt grundsätzlich in zwei Zonen aufgeteilt ist: das islamische Herrschaftsgebiet (Dār al-Islām), in dem Normen der Scharia gelten, und das von Nicht-Muslimen beherrschte „Haus des Krieges“ (Dār al-Harb), das als feindlich und einer legitimen Rechtsordnung entbehrend aufgefasst wird. Menschen, die auf nicht-islamischem Territorium zum Islam übergetreten sind, sollten nach dieser Theorie dem Vorbild der Hidschra Mohammeds folgen und möglichst bald das Dār al-Harb verlassen. Einige Gelehrte meinten sogar, dass Muslime grundsätzlich nicht im Dār al-Harb leben dürften.

So urteilte zum Beispiel der malikitische Gelehrte Ahmad al-Wanscharīsī (1430–1508) in einem Fatwa aus der Zeit kurz vor dem Fall Granadas, dass die auf christlichem Territorium verbliebenen Muslime (Mudejaren) in das nordafrikanische Dār al-Islām auszuwandern hätten, weil die auf christlichem Territorium vollbrachten gottesdienstlichen Handlungen (Gebet, Almosen, Fasten) keine Gültigkeit hätten. Ähnliche Aufrufe islamisch-religiöser Autoritäten zur Hidschra aus Gebieten, die von christlichen europäischen Staaten eingenommen worden waren, waren auch noch im 19. Jahrhundert und am Anfang des 20. Jahrhunderts bei den Tataren auf der Krim und in Bosnien zu hören und führten dazu, dass die Auswanderungswellen, die in dieser Zeit stattfanden, einen religiösen Charakter erhielten.

Im Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialismus griffen im frühen 20. Jahrhundert auch Muslime in Afrika und Südostasien auf das Hidschra-Konzept zurück. So verfasste 1903 nach der Eroberung des Sokoto-Kalifats durch die Briten ein gewisser Qadi ʿAbdallāh ibn ʿAlī eine Schrift, in der er die Auffassung vertrat, dass die Muslime von Sokoto nun die Hidschra vollziehen müssten, weil sie von ihrer Position aus keinen erfolgreichen Widerstand gegen die britische Invasion leisten könnten. In Niederländisch-Indien bezeichnete in den 1930er Jahren die Partei Sarekat Islam ihre Politik der Non-Kooperation mit der Kolonialmacht ebenfalls als Hidschra. Der stellvertretende Parteivorsitzende Sekarmadji Maridjan Kartosuwirjo fasste 1936 ein zweibändiges Buch über die „Hidschra-Haltung“ (Setiap Hidjrah) seiner Partei ab, in dem er diese mit Mohammeds Positionen gegenüber den Mekkanern parallelisierte.

Der Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker weist darauf hin, dass salafistische Vorträge und Seminare in Europa lebende Muslime oftmals dazu animierten, sich innerlich von der sie umgebenden nicht-islamischen Gesellschaft zu distanzieren, und spricht diesbezüglich von einer Art „psychischer hidschra“. Doch reisten auch zum Beispiel aus Frankreich viele Muslime nach Ägypten (um dort Arabisch und die religiösen Grundlagen des Salafismus zu lernen) oder nach Algerien (als dem Land der Vorväter), während in Deutschland der Islamische Staat die hidschra als Verpflichtung systematisierte, als Dschihadist speziell ins IS-Kalifat zu reisen.

  • Patricia Crone: "The first-century concept of hiǧra" in Arabica 41 (1994) 352 –87.
  • Kemal H. Karpat: "The hijra from Russia and the Balkans: the process of self-definition in the late Ottoman state" in Dale F. Eickelman and James Piscatori (eds.): Muslim Travellers: Pilgrimage, Migration and the Religious Imagination. Routledge, London, 1990. S. 131–152.
  • Ẓafarul-Islām Khān: Hijrah in Islam, New Delhi 1997.
  • F. Krenkow: "The topography of the Hijrah" in Islamic Culture 3 (1929) 357–364.
  • Muhammad Khalid Masud: "The Obligation to migrate: the doctrine of hijra in Islamic law" in Dale F. Eickelman and James Piscatori (eds.): Muslim Travellers: Pilgrimage, Migration and the Religious Imagination. Routledge, London, 1990. S. 29–49.
  • W. Montgomery Watt: "Hid̲j̲ra" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. III, S. 366–67.
Wiktionary: Hedschra – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  1. Vgl. Hans Wehr: Arabisches Wörterbuch, Wiesbaden 1968, S. 905.
  2. Vgl. Khān 98–103 und Leonard Harvey: Islamic Spain: 1250 to 1500. Chicago, IL 1990. S. 56–60.
  3. Vgl. Brian Glyn Williams: The Crimean Tatars: The Diaspora Experience and the Forging of a Nation. Leiden 2001. S. 166, 317; und Khān 120.
  4. Vgl. Muhammad S. Umar: Islam and Colonialismus. Intellectual responses of Muslims of Northern Nigeria to British colonial rule. Brill, Leiden, Boston 2006. S. 68–74.
  5. Vgl. dazu S. Soebardi: „Kartosuwiryo and the Darul Islam Rebellion“, in: Journal of Southeast Asian Studies, 14 (1983) 109-133. S. 112.
  6. Rüdiger Lohlker: Die Salafisten. Der Aufstand der Frommen, Saudi-Arabien und der Islam. (= C.H.Beck Paperback 6272) C.H.Beck, München 2017. ISBN 978-3-406-70609-7. S. 77 f.
Normdaten (Sachbegriff): GND:(, ) | | Anmerkung: Ansetzungsform GND: „Hidjra“.

Hidschra
hidschra, auswanderung, mohammeds, mekka, nach, medina, sprache, beobachten, bearbeiten, dieser, artikel, behandelt, islamische, ereignis, für, soziale, gruppe, indien, pakistan, bangladesch, siehe, hijra, arabisch, هجرة, hidschra, hiǧra, auch, hedschra, bezei. Hidschra Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina Sprache Beobachten Bearbeiten Dieser Artikel behandelt das islamische Ereignis Fur die soziale Gruppe in Indien Pakistan und Bangladesch siehe Hijra Die Hidschra arabisch هجرة hidschra DMG hiǧra auch Hedschra bezeichnet die Auswanderung 1 Mohammeds von Mekka nach Medina und seine Ankunft in Qubaʾ am 12 Rabiʿ al awwal 24 September 622 Sie markiert den Beginn der islamischen Zeitrechnung die jedoch erst 17 Jahre spater durch den Kalifen Umar ibn al Chattab eingefuhrt wurde Die Jahreszahlen werden oftmals durch ein nachgestelltes H markiert Auch der iranische Kalender und der osmanisch turkische Rumi Kalender die beide auf dem Sonnenjahr basieren zahlen die Jahre seit der Hidschra Inhaltsverzeichnis 1 Hidschra in der Fruhzeit des Islams 2 Hidschra als Pflicht fur Muslime 3 Literatur 4 Weblinks 5 EinzelnachweiseHidschra in der Fruhzeit des Islams BearbeitenSchon im Jahre 615 waren Anhanger Mohammeds nicht jedoch der Prophet selbst in einer ersten Welle aus dem heidnischen Mekka ins christliche Aksumitische Reich emigriert Mohammeds Ubersiedlung nach Medina 622 die eigentliche Hidschra war somit genaugenommen der zweite derartige Auszug Die mekkanischen Muslime die Mohammed nach Medina begleiteten werden die Auswanderer al Muhadschirun genannt Mit der Ankunft in Medina wurde der zuvor verfolgte und von den mekkanischen Eliten gehasste Prophet sehr schnell zu einem geachteten Staatsmann und Begrunder nicht nur einer Religion sondern auch eines Staates der sich bald nach seinem Tod mit Hilfe der islamischen Expansion zu einem Grossreich entwickelte siehe auch Kalifat Hidschra als Pflicht fur Muslime BearbeitenInnerhalb der islamischen Jurisprudenz hat sich schon fruh eine Theorie entwickelt nach der die Welt grundsatzlich in zwei Zonen aufgeteilt ist das islamische Herrschaftsgebiet Dar al Islam in dem Normen der Scharia gelten und das von Nicht Muslimen beherrschte Haus des Krieges Dar al Harb das als feindlich und einer legitimen Rechtsordnung entbehrend aufgefasst wird Menschen die auf nicht islamischem Territorium zum Islam ubergetreten sind sollten nach dieser Theorie dem Vorbild der Hidschra Mohammeds folgen und moglichst bald das Dar al Harb verlassen Einige Gelehrte meinten sogar dass Muslime grundsatzlich nicht im Dar al Harb leben durften So urteilte zum Beispiel der malikitische Gelehrte Ahmad al Wanscharisi 1430 1508 in einem Fatwa aus der Zeit kurz vor dem Fall Granadas dass die auf christlichem Territorium verbliebenen Muslime Mudejaren in das nordafrikanische Dar al Islam auszuwandern hatten weil die auf christlichem Territorium vollbrachten gottesdienstlichen Handlungen Gebet Almosen Fasten keine Gultigkeit hatten 2 Ahnliche Aufrufe islamisch religioser Autoritaten zur Hidschra aus Gebieten die von christlichen europaischen Staaten eingenommen worden waren waren auch noch im 19 Jahrhundert und am Anfang des 20 Jahrhunderts bei den Tataren auf der Krim und in Bosnien zu horen 3 und fuhrten dazu dass die Auswanderungswellen die in dieser Zeit stattfanden einen religiosen Charakter erhielten Im Zusammenhang mit dem europaischen Kolonialismus griffen im fruhen 20 Jahrhundert auch Muslime in Afrika und Sudostasien auf das Hidschra Konzept zuruck So verfasste 1903 nach der Eroberung des Sokoto Kalifats durch die Briten ein gewisser Qadi ʿAbdallah ibn ʿAli eine Schrift in der er die Auffassung vertrat dass die Muslime von Sokoto nun die Hidschra vollziehen mussten weil sie von ihrer Position aus keinen erfolgreichen Widerstand gegen die britische Invasion leisten konnten 4 In Niederlandisch Indien bezeichnete in den 1930er Jahren die Partei Sarekat Islam ihre Politik der Non Kooperation mit der Kolonialmacht ebenfalls als Hidschra Der stellvertretende Parteivorsitzende Sekarmadji Maridjan Kartosuwirjo fasste 1936 ein zweibandiges Buch uber die Hidschra Haltung Setiap Hidjrah seiner Partei ab in dem er diese mit Mohammeds Positionen gegenuber den Mekkanern parallelisierte 5 Der Islamwissenschaftler Rudiger Lohlker weist darauf hin dass salafistische Vortrage und Seminare in Europa lebende Muslime oftmals dazu animierten sich innerlich von der sie umgebenden nicht islamischen Gesellschaft zu distanzieren und spricht diesbezuglich von einer Art psychischer hidschra Doch reisten auch zum Beispiel aus Frankreich viele Muslime nach Agypten um dort Arabisch und die religiosen Grundlagen des Salafismus zu lernen oder nach Algerien als dem Land der Vorvater wahrend in Deutschland der Islamische Staat die hidschra als Verpflichtung systematisierte als Dschihadist speziell ins IS Kalifat zu reisen 6 Literatur BearbeitenPatricia Crone The first century concept of hiǧra in Arabica 41 1994 352 87 Kemal H Karpat The hijra from Russia and the Balkans the process of self definition in the late Ottoman state in Dale F Eickelman and James Piscatori eds Muslim Travellers Pilgrimage Migration and the Religious Imagination Routledge London 1990 S 131 152 Ẓafarul Islam Khan Hijrah in Islam New Delhi 1997 F Krenkow The topography of the Hijrah in Islamic Culture 3 1929 357 364 Muhammad Khalid Masud The Obligation to migrate the doctrine of hijra in Islamic law in Dale F Eickelman and James Piscatori eds Muslim Travellers Pilgrimage Migration and the Religious Imagination Routledge London 1990 S 29 49 W Montgomery Watt Hid j ra in The Encyclopaedia of Islam New Edition Bd III S 366 67 Weblinks Bearbeiten Wiktionary Hedschra Bedeutungserklarungen Wortherkunft Synonyme UbersetzungenEinzelnachweise Bearbeiten Vgl Hans Wehr Arabisches Worterbuch Wiesbaden 1968 S 905 Vgl Khan 98 103 und Leonard Harvey Islamic Spain 1250 to 1500 Chicago IL 1990 S 56 60 Vgl Brian Glyn Williams The Crimean Tatars The Diaspora Experience and the Forging of a Nation Leiden 2001 S 166 317 und Khan 120 Vgl Muhammad S Umar Islam and Colonialismus Intellectual responses of Muslims of Northern Nigeria to British colonial rule Brill Leiden Boston 2006 S 68 74 Vgl dazu S Soebardi Kartosuwiryo and the Darul Islam Rebellion in Journal of Southeast Asian Studies 14 1983 109 133 S 112 Rudiger Lohlker Die Salafisten Der Aufstand der Frommen Saudi Arabien und der Islam C H Beck Paperback 6272 C H Beck Munchen 2017 ISBN 978 3 406 70609 7 S 77 f Normdaten Sachbegriff GND 4252024 1 OGND AKS Anmerkung Ansetzungsform GND Hidjra Abgerufen von https de wikipedia org w index php title Hidschra amp oldid 210264286, wikipedia, wiki, deutsches

deutschland

buch, bücher, bibliothek

artikel

lesen, herunterladen

kostenlos

kostenloser herunterladen, MP3, Video, MP4, 3GP, JPG, JPEG, GIF, PNG, Bild, Musik, Lied, Film, Buch, Spiel, Spiele