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Geistige Behinderung

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Klassifikation nach ICD-10
F70–F73 Intelligenzminderung (IQ unter 70)
F74 dissoziierte Intelligenz (deutliche Diskrepanz von mindestens 15 Punkten zwischen Sprach- und Handlungs-IQ; von WHO inzwischen gestrichen)
F78 Andere Intelligenzminderung (Beurteilung der Intelligenzminderung nicht möglich)
F79 Nicht näher bezeichnete Intelligenzminderung (Intelligenzminderung nicht einzuordnen)

Der Begriff geistige Behinderung (auch „geistige Zurückgebliebenheit“ und „mentale Retardierung“) bezeichnet einen andauernden Zustand deutlich unterdurchschnittlicher kognitiver Fähigkeiten eines Menschen sowie die damit gegebenenfalls verbundenen Einschränkungen seines Gefühlslebens und Verhaltens sowie motorischer Fähigkeiten.

Eine eindeutige und allgemein akzeptierte Definition ist jedoch schwierig: Medizinisch orientierte Definitionen sprechen von einer „Minderung oder Herabsetzung der maximal erreichbaren Intelligenz“. Auch die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) bezeichnet dieses Phänomen als „Intelligenzminderung“ (F70–79). Demnach lässt sich – rein auf die Intelligenz bezogen – eine geistige Behinderung als Steigerung und Erweiterung einer Lernbehinderung verstehen. Andere Definitionen rücken statt der Intelligenz dagegen stärker die Interaktion des betroffenen Menschen mit seiner Umwelt in den Blick.

Der Begriff muss von ähnlichen Phänomenen abgegrenzt werden. Alters- oder krankheitsbedingter Verlust vorher beherrschter Fähigkeiten (und damit auch der Intelligenz) wird als Demenz bezeichnet. Bei dauerhaften Beeinträchtigungen durch psychische oder neurologische Erkrankungen, die sich primär durch Denkstörungen bei (weitgehend) erhaltener Intelligenz darstellen, spricht man von einer psychischen Behinderung. Allgemein können psychische, körperliche und geistige Behinderungen unabhängig voneinander oder auch kombiniert auftreten.

Inhaltsverzeichnis

Intelligenztest

Hauptartikel: Intelligenzminderung

Eine Diagnose der geistigen Behinderung bezieht sich oft auf die Messung einer deutlichen Intelligenzminderung mit Hilfe standardisierter Intelligenztests. Ein Intelligenzquotient (IQ) im Bereich von 70 bis 85 ist unterdurchschnittlich; in diesem Fall spricht man von einer Lernbehinderung. Ein IQ unter 70 bedingt dann die Diagnose der geistigen Behinderung. Eine weitere Unterteilung dieses Bereiches wird von manchen Autoren als obsolet angesehen, da es keine Messverfahren gibt, die hier valide und reliable Ergebnisse mit der nötigen Trennschärfe ergeben. Auch heute ist die Zuschreibung einer geistigen Behinderung per Intelligenzmessung sehr umstritten. IQ-Tests werden zwar regelmäßig durchgeführt, aber nicht als alleiniger Wert interpretiert. Teilweise ist die Durchführung eines Intelligenztests wegen einer körperlichen Behinderung oder einer Verhaltensstörung nicht möglich.

Andere Diagnose-Verfahren

Die individuelle Einzelfallbeschreibung im Rahmen einer systemischen Analyse der Mensch-Umfeld-Verhältnisse ist heute üblich: Ist selbständiges Essen und Trinken, Ankleiden möglich? Im Bereich der geringsten Intelligenzleistungen, die bei schweren Krankheitsbildern, Verwachsungen im Gehirn oder kriegsbedingt zerstörten Hirnteilen auftreten, wurde früher die Klassische Konditionierung auf bestimmte Reize diagnostisch verwendet: Lässt sich der Patient mit positiven Reizen oder regelmäßigen Gewohnheiten (Süßigkeiten, Essenszeiten) konditionieren, oder können nur noch aversive Reize mit einer Vermeidungsreaktion verbunden werden konnten. Klinisch wurde die Diagnose vor allem im Sinn einer Grenzangabe (z. B. grenzdebil) verwendet, obgleich auch eine Skalierung mit Punktwerten vornehmbar war. Die Angaben verloren daher im unteren Bereich ihren Wert als Verteilungsfunktion und waren eine reine diagnostische Klasse.

Einige Krankheits- oder Behinderungsbilder ähneln oberflächlich der geistigen Behinderung, sind jedoch im Sinne einer Differentialdiagnose von ihr zu unterscheiden. Das ist zum Beispiel der frühkindliche Autismus, die psycho-soziale Deprivation (auch Deprivationssyndrom oder Hospitalismus), die Demenz oder auch hirnorganische Krankheiten. Auch die so genannte Pseudodebilität (auch: Pseudodemenz, beim Erwachsenen Ganser-Syndrom) ist von der geistigen Behinderung zu unterscheiden, denn hier ist die kognitive Beeinträchtigung Konversionssymptom. Die hauptsächlichen Unterscheidungen bestehen darin, dass die geistige Behinderung von Anfang an besteht, dass keine Wahnsymptome vorhanden sind und dass das Sozialverhalten nicht autistisch ist.

Am auffälligsten sind die Verzögerung der kognitiv-intellektuellen Entwicklung im Kindesalter, die Lernschwierigkeiten in der Schule und das herabgesetzte Abstraktionsvermögen (wie Hängenbleiben am Detail oder am sinnlich Wahrgenommenen, Leichtgläubigkeit). Nicht nur die durchschnittlich maximal erreichbare Intelligenz, sondern teilweise auch das Anpassungsvermögen und die soziale und emotionale Reife sind beeinträchtigt.

Eine geistige Behinderung ist häufig mit anderen Besonderheiten verbunden (wie Autismus, Fehlbildungen des Gehirns, Lernstörungen, Beeinträchtigung der Motorik und der Sprache). Sie beeinflusst nicht unbedingt die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden wie Freude, Wut oder Leid (vgl. kognitive Behinderung), jedoch zum Teil die Fähigkeit, mit diesen Gefühlen umzugehen und sie (lautsprachlich) zu kommunizieren.

Die Lebenserwartung von Menschen mit einer geistigen Behinderung ist durchschnittlich zwölf Jahre niedriger als die der Gesamtbevölkerung, und bei ihnen tritt Gebrechlichkeit früher auf.

Hauptartikel: Intelligenzminderung

Die ICD-10-Klassifikation teilt die geistige Behinderung in verschiedene Grade der Intelligenzminderung ein.

Baby mit typischen Gesichtsmerkmalen des Fetalen Alkoholsyndroms, ausgelöst durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft: Kleine Augen, glattes Philtrum, schmale Oberlippe

Als Ursachen für eine geistige Behinderung gelten einerseits endogene Faktoren, die meist eine erbliche Grundlage (Erbkrankheiten) oder Chromosomen-Besonderheiten wie Down-Syndrom, Sotos-Syndrom oder Katzenschrei-Syndrom aufweisen; Exogene Faktoren während der Schwangerschaft sind erworbene cerebrale Schädigungen des Embryos durch beispielsweise

Niedrige Vitamin-D-Blutwerte sind möglicherweise ungünstig für die Gehirnleistung. Darauf deuten Daten einer US-Studie mit 858 Teilnehmern über 65 Jahre hin. Bei Teilnehmern mit niedrigen Vitamin-D-25-OH-Werten zu Studienbeginn (unter 25 nmol/l) war nach sechs Jahren die Rate für kognitive Beeinträchtigungen um 60 % höher als bei Teilnehmern mit hohen Werten (über 75 nmol/l) und um 31 % höher als bei ausreichenden Ausgangswerten. Die häufigste genetische Ursache von geistigen Behinderungen ist das Down-Syndrom. Die häufigste nicht genetische Ursache von geistiger Behinderung ist das fetale Alkoholsyndrom, das durch Alkoholkonsum der Schwangeren ausgelöst oder verursacht wird.

Eindeutige Ursachenzuschreibungen sind manchmal schwierig bzw. nicht möglich. In vielen Fällen sind sie – in Form einer „Schuldzuschreibung“ – auch für eine rechtzeitige Frühförderung und Förderung eher hinderlich oder kontraproduktiv.

Genetik

Die häufigste genetische Ursache von verminderter Intelligenz ist das Down-Syndrom mit einer durchschnittlichen Häufigkeit (Prävalenz) von etwa 1:500. Auch andere Chromosomenaberrationen können die neuronale Entwicklung beeinträchtigen. Im Gegensatz zu Erbkrankheiten sind Chromosomenaberrationen erst kurz vorher in einer Eizelle der Mutter entstanden. Erbkrankheiten im engeren Sinn sind seltene bis sehr seltene Mutationen, die meist bereits über mehrere Generationen übertragen wurden.

Im Folgenden eine Liste der Erbkrankheiten, die zu neuronalen Entwicklungsstörungen mit verminderter Intelligenz beim Neugeborenen führen können.

Name Erbgang Häufigkeit ICD-10 OrphaNet Betroffene Gene/Proteine
Börjeson-Forssman-Lehmann-Syndrom X rezessiv ? Q87.8 PHF6
Brunner-Syndrom X rezessiv ? E70.8 F54 MAOA (Monoaminooxidase)
Coffin-Lowry-Syndrom X rezessiv 2 / 100,000 F78.8 RPS6KA3
Cornelia-de-Lange-Syndrom X rezessiv / autosomal dominant gesamt 1–9 / 100,000 Q87.1 NIPBL, SMC1A, SMC3
Cri du Chat Partielle Monosomie am Chromosom 5 1 / 50,000 Q93.4 In: Orphanet (Datenbank für seltene Krankheiten).
FG-Syndrom X rezessiv >1 / 1,000 Q87.8 BRWD3, CASK, FLNA, MED12, UPF3B
Fragiles-X-Syndrom X rezessiv 5–9 / 10,000 Q99.2 FMR1 (Fragile-X-Mental-Retardation-1-Protein)
FRAXE-Syndrom X rezessiv 1–9 / 1,000,000 - AFF2
Hennekam-Syndrom autosomal rezessiv unter 1: 1,000,000 - CCB1
Joubert-Syndrom sporadisch über 100 Fälle Q04.3 INPP5E
Lujan-Fryns-Syndrom X rezessiv ? F79 MED12, UPF3B
Martsolf-Syndrom autosomal rezessiv unter 20 Fälle Q87.8 RAB3GAP2
MASA-Syndrom X rezessiv 1–9 / 100,000 G11.4 L1CAM
Mikrozephalie, primäre autosomal rezessiv gesamt 2–4 / 100,000 Q02 ASPM, CDK5RAP2, CENPJ, CEP152, MCPH1, STIL
Morbus Gaucher autosomal rezessiv 1–9 / 100,000 E75.2 In: Orphanet (Datenbank für seltene Krankheiten). GBA
Mukopolysaccharidose Enzymdefekte, Lysosomale Speicherkrankheit E76.0 E76.1 E76.2 E76.3 In: Orphanet (Datenbank für seltene Krankheiten).
Nordisches Epilepsiesyndrom, (Neuronale Ceroid-Lipofuszinose Typ 8) autosomal rezessiv unter 1 / 1,000,000 E75.4 CLN8
Partington-Syndrom X rezessiv unter 1 / 1,000,000 - ARX
Pierre-Robin-Sequenz verschiedene Formen 1–9 / 100,000 Q87.0 In: Orphanet (Datenbank für seltene Krankheiten).
Renpenning-Syndrom X rezessiv ? - PQBP1
Rett-Syndrom, atypisches dominant 1–9 / 100,000 G40.3 CDKL5, FOXG1, MECP2, NTNG1
Rubinstein-Taybi-Syndrom autosomal dominant oder unbekannt 1–9 / 100,000 Q87.2 In: Orphanet (Datenbank für seltene Krankheiten). CBP, p300
Sjögren-Larsson-Syndrom autosomal rezessiv 1–9 / 1,000,000 E71.3 ALDH3A2 (Fettaldehyd-Dehydrogenase)
Snyder-Robinson-Syndrom X rezessiv 11 Fälle - SMS
Tyrosinämie Typ II autosomal rezessiv <1 / 1,000,000 E70.2 TAT (Tyrosin-Aminotransferase)
West-Syndrom ? 1–9 / 1,000,000 G40.4 ARX, CDKL5
Williams-Beuren-Syndrom autosomal dominant 1–20,000–50,000 Q78.8 In: Orphanet (Datenbank für seltene Krankheiten).
XLAG-Syndrom X rezessiv ? Q04.0 Q04.3 ARX
unspez. X rezessiv gesamt 6–9 / 10,000 F78 ACSL4, AGTR2, ARHGEF6, AP1S2, ARX, ATP6AP2, ATRX, CUL4B, DLG3, FTSJ1, GDI1, GRIA3, HSD17B10, HUWE1, I1RAPL1, IQSEC2, KDM5C, MAGT1, MECP2, OPHN1, PAK3, PHF8, RAB39B, RPS6KA3, SHROOM4, SLC9A6, SOX3, SYP, TSPAN7, UPF3B, ZNS41, ZNS674, ZNS81
unspez. autosomal rezessiv ? - CC2D1A, CRBN (Cereblon), GRIK2, PRSS12, TRAPPC9, TUSC3
unspez. autosomal dominant ? - CDH15 (Cadherin-15), KIRREL3, MBD5, SYNGAP1

siehe auch Autosomal-rezessive primäre Mikrozephalie und X-chromosomale mentale Retardierung.

Um Kinder mit einer geistigen Behinderung in ihrer Entwicklung bestmöglich zu fördern, absolvieren sie oft mit einem möglichst frühen Beginn eine gezielte Frühförderung. Ihnen stehen im entsprechenden Alter Kindergärten offen, mancherorts gibt es integrative Einrichtungen oder spezielle Sonderkindergärten.

Da in Deutschland das Schulrecht eine Pflicht zum Besuch einer Schule für alle Kinder und Jugendlichen vorsieht, beträgt die Schulpflichtzeit auch bei Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung (inklusive Berufsschulstufe) insgesamt zwölf Jahre. Diese Zeit kann jedoch aufgrund besonderer Umstände (bei noch zu erwartender Leistungsentfaltungen) um mehrere Jahre verlängert werden.

Sprach man bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts Menschen mit einer geistigen Behinderung noch weitgehend die Fähigkeit zur Bildung ab, so entstanden im Laufe der Jahre ab etwa 1960 mehr und mehr spezielle Sonderschulen. Die traditionelle Bezeichnung der Sonderschule für geistig Behinderte wird in den einzelnen Bundesländern mittlerweile durch andere Bezeichnungen abgelöst. Spätestens seit den 1990er Jahren bemüht man sich um eine schulische Integration auch von Kindern und Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung: sie besuchen Regelschulen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern (Skandinavien, Italien, Frankreich), die eine Integrationsrate von teilweise über 80 % erreichen, beträgt in Deutschland der Anteil der Schüler mit einer geistigen Behinderung, die in eine Sonderschule gehen, 97 %; lediglich 3 % werden integrativ beschult.

Im Zuge der Integrationsbewegung ist auch eine Erwachsenenbildung für Menschen mit einer geistigen Behinderung vielerorts Realität geworden. Im Bereich der Pädagogik kümmert sich die Geistigbehindertenpädagogik als Teilgebiet der Sonderpädagogik oder auch Heilpädagogik wissenschaftlich um die Belange von Menschen mit einer geistigen Behinderung.

Menschen mit einer geistigen Behinderung benötigen in der Regel zur selbstständigen Orientierung Texte in einfacher Sprache, sofern sie erfolgreich Lesen gelernt haben.

Menschen mit einer geistigen Behinderung ein möglichst autonomes und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, schließt auch die Forderung nach einer angemessenen Arbeits- und Wohnsituation ein. Mit zunehmendem Schweregrad der Behinderung wächst allerdings der Bedarf an Unterstützung in verschiedenen Lebensbereichen: Beweglichkeit, Räumliche Mobilität, Kontinenz oder Kommunikation können bis hin zur Pflegebedürftigkeit beeinträchtigt sein.

Spätestens mit der Gründung von speziellen Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) seit den 1960er Jahren gab es flächendeckend in Deutschland entsprechende Arbeitsplätze des zweiten Arbeitsmarktes. Zunehmend arbeiten Menschen mit einer geistigen Behinderung auch in Arbeitsstellen des ersten Arbeitsmarktes oder in Integrationsbetrieben.

Menschen mit geistiger Behinderung werden heute in der Regel nicht mehr in Anstalten oder Krankenhäusern untergebracht, was früher zur Ausgrenzung und regelmäßig zu Hospitalismus führte. Moderne Wohnformen sollen nur die jeweils notwendige Unterstützung bieten und die Selbstbestimmung fördern. Die Möglichkeiten umfassen das betreute Wohnen in der eigenen Wohnung oder in einer Wohngemeinschaft, das Wohnheim mit individueller Betreuung und Assistenz, das Wohnen in Pflegefamilien (Beispiel: Geel), in integrativen Dörfern (Beispiel: evangelische Stiftung Alsterdorf in Hamburg), oder auch in integrativen Wohngemeinschaften (wie in München).

Während die Aufnahme einer Arbeitsstelle in der Regel nach der Schule erfolgt, verbleiben viele junge Erwachsene noch für viele Jahre in ihrer Ursprungsfamilie.

Auch Menschen mit einer geistigen Behinderung wird das Recht der Teilnahme am öffentlichen Leben nicht abgesprochen. Eine Entmündigung, eine Vormundschaft oder Gebrechlichkeitspflegschaft gibt es in Deutschland seit 1992 nicht mehr. Bei Zweifeln an der Fähigkeit zur selbständigen Lebensführung kann das zuständige Amtsgericht für die jeweilige Person eine Betreuung durch andere einrichten.

Eine Schuldfähigkeit im Strafrecht, eine Deliktsfähigkeit und Geschäftsfähigkeit im Zivilrecht oder eine Handlungsfähigkeit im Verwaltungsrecht werden allerdings Menschen mit geistiger Behinderung häufig abgesprochen. Entsprechende Regelungen enthalten StGB, BGB und BGB.

Einführung

Problemstellung
Es ist erwiesen, dass mit einer geistigen Behinderung psychische Störungen bzw. psychische Krankheitsbilder meist einhergehen. Aus Studien von englischen Autoren wie Rutter 1970, Corbett 1979, 1985, Ineichen 1984 und Reid 1980, 1985 geht hervor, dass psychische Störungen bei geistig behinderten Kindern und Erwachsenen vier- bis fünfmal häufiger auftreten als in der Normalbevölkerung. Auch weitere Untersuchungen in anderen Ländern bestätigen eine hohe Vorkommensrate psychischer Erkrankungen bei Menschen mit geistiger Behinderung.

Entstehungstheorien

Erklärungsmodelle von psychischen Störungen bei geistig Behinderten

Die Entstehung besonderer psychischer Probleme geistig Behinderter wird entwicklungspsychologisch untersucht, nicht zuletzt, weil sich in den vorangegangenen Jahrzehnten der Schritt vom Defekt-Modell zum Entwicklungsmodell vollzogen hat. Diese neue Sichtweise schreibt geistig behinderten Menschen die Möglichkeit zur Entwicklung zu, wobei sich die Entwicklungsschritte, -phasen und -abfolgen keineswegs von Nichtbehinderten unterscheiden.

In der Entwicklungspsychologie existieren unterschiedliche Entwicklungstheorien, wobei sie sich alle auf die Erkenntnisse der zwei großen Psychiater Sigmund Freud und Adolf Meyer stützen. Das Zusammenwirken beider Richtungen kann als Psychodynamik bezeichnet werden.

Neben psychodynamischen Aspekten treten in der Entwicklungspsychiatrie genetische Faktoren, organische Eigenschaften, neuropsychologische Zustände, kulturelle Einflüsse, Temperamentsqualitäten und Entwicklungsmuster verschiedener psychischer Funktionen und anderen hinzu. Wie bereits erwähnt, bedienen sich die Untersucher auf dem Gebiet psychischer Beeinträchtigungen geistig behinderter Menschen Methoden vor dem Hintergrund der Entwicklungspsychiatrie. Eine entwicklungsdynamische Betrachtungsweise schließt die psychische Beeinträchtigung mit ein, die durch ein Fehlverhalten der sozialen Umwelt hervorgerufen werden kann.

Das entwicklungsdynamische Modell hilft dabei die Probleme geistig Behinderter besser zu verstehen. Zur Erklärung des Auftretens von psychischen Störungen bei geistig Behinderten wird bei DOSEN ein multidimensionales Modell der sozio-emotionalen Entwicklung verwendet.

Die Reifung des Kindes im sozio-emotionalen, kognitiven und neurophysiologischen Bereich vollzieht sich in Abhängigkeit zueinander. Die Bereiche entwickeln sich in einem Prozess, der in drei Phasen eingeteilt ist, sprich die Adaptionsphase, die Sozialisationsphase und die individuelle Phase. In jeder Phase, also in der Zeit vom ersten zum dritten Lebensjahr, werden wichtige Funktionen ausgebildet und Wesensmerkmale erworben.

Es wird davon ausgegangen, dass bei geistig Behinderten mit psychischen Störungen die kognitive und sozio-emotionale Seite sich nicht parallel und ausgeglichen ausbilden. Der kognitive Bereich entwickelt sich gegenüber dem sozio-emotionalen Bereich besser. Bei einem ungünstigen Verlauf der sozio-emotionalen Entwicklung d. h. wenn ein Kind von der normalen Entwicklung in einer altersspezifischen Phase (Adaption, Sozialisation und individuelle Phase) abweicht oder stehen bleibt, sind nach Menolascino (1970) psychische Erkrankungen die Folge. Weiterhin kann eine psychische Störung auf eine erworbene Ursache zurückgehen. Bei einer Gruppe von 730 klinisch untergebrachten Kindern stellte man bei 81 % eine psychische Störung fest. Ihre psychischen Erkrankungen wurden nach dem Diagnoseschema von Menolascino eingestuft. Bei 33 % der Probanden ermittelte man eine blockierte sozio-emotionale Entwicklung, ein Anteil von 26 % war der abweichenden sozio-emotionalen Entwicklung zugeordnet und die restlichen 22 % beliefen sich auf erworbene psychische Erkrankungen.

Blockade der sozio-emotionalen Entwicklung

Bei einer Blockierung bezüglich der sozio-emotionalen Entwicklung reißt die sozio-emotionale Entwicklung ab, während die kognitive weiterläuft. Kommt es in der ersten Adaptionsphase zum Stillstand, so stellt sich beim Kind eine “primäre Kontaktstörung” ein. Eine „sekundäre Kontaktstörung“ liegt vor, wenn sich die Symptome einer Kontaktstörung nach einer ersten Bindungserfahrung zeigen.

Abweichende sozio-emotionale Entwicklung

Unter „abweichende sozio-emotionale Entwicklung“ versteht man, dass die sozio-emotionale Entwicklung des Kindes voranschreitet, aber sich in Qualität und Richtung von einer Normalentwicklung unterscheidet.

Erworbene psychische Erkrankungen

Die Betroffenen haben hierbei eine Prädisposition für eine bestimmte Abweichung in einem bestimmten Alter erworben, die unter bestimmten Umständen aufbrechen kann.

Diagnostik

Psychodiagnostik geistig behinderter Patienten
Die Untersuchung geistig behinderter Menschen mit psychischen Krankheiten erfolgt mit dem vorhandenen Instrumentarium der Psychiatrie und klinischen Psychologie. Sie beinhaltet Techniken und Methoden, die hier kurz vorgestellt werden.

In der Anamnese werden der Patient und seine Familie vom Untersucher zur Krankheitsvorgeschichte befragt. Eine Grundmethode der Psychologie zur Persönlichkeitsentwicklung ist die Verhaltensbeobachtung. Der Untersucher kann den Patienten auf ein bestimmtes Verhalten in einer bestimmten Situation hin wahrnehmen. Bei Menschen, die einen IQ unter 50 haben, ist besonders häufig eine Abweichung des ZNS vorzufinden. Da eine Verhaltens- und psychische Störung Ausdruck einer organischen Störung (z. B. Abweichung des ZNS) sein kann, muss durch eine körperliche Untersuchung geprüft werden, ob ein Zusammenhang zwischen den beiden Störungen besteht. Da das Nervensystem alle organischen und psychologischen Vorgänge im Körper beeinflusst, wird hierbei auch eine neuropsychologische Untersuchung notwendig. Des Weiteren folgen verschiedene Zusatzuntersuchungen wie Röntgenaufnahmen des Schädels, EEG, CCT und biochemische Blut- und Urinuntersuchungen. Psychometrische Tests dienen zur Untersuchung von Persönlichkeitsmerkmalen. Auch die Intelligenz fällt darunter und kann mit sogenannten Intelligenztests ermittelt werden. Sie ziehen damit die Grenze zwischen Normalität und geistiger Behinderung. Ein Proband kann nach seinem errechneten IQ in eine Kategorie mit entsprechendem Ausprägungsgrad eingestuft werden. Lerntests versuchen auch die kognitiven Leistungen des Kindes zu erfassen. Das geschieht, indem das Kind die Aufgaben immer löst. Nach der Feststellung des Leistungsniveaus wird dem Kind geholfen und anschließend wird die Leistung gemessen. Es dient dem Zweck, festzustellen, welche und in welchem Umfang das Kind Hilfe benötigt, um die Aufgabe zu lösen. Mit Hilfe von sozialen und adaptiven Verhaltensskalen können Verhaltensabläufe von geistig Behinderten in ihrer Umgebung registriert werden. Bei der psychiatrischen Untersuchung stehen dem Psychiater zwei Verfahren und Mittel zur Verfügung, die ihm das Erforschen psychischer Erkrankungen erleichtern. Diese werden auch bei Nichtbehinderten kombiniert angewandt. Bevor der Psychiater Tests durchführt, wird er über Kommunikation und Beobachtung notwendige Informationen über seinen Patienten sammeln. Der Psychiater wird das Gespräch dahingehend gestalten, dass der Patient mit emotional beladenen Themen konfrontiert wird. Die Reaktionen des Patienten werden vom Psychiater ausgewertet. Schließlich wird das Gespräch wieder auf entspannte Themen gelenkt und dem Patienten wird Solidarität vermittelt.

Syndrome

Übersicht der bekanntesten Syndrome

  • Depressives Syndrom
    • Traurigkeit, Gedrücktheit, Gefühllosigkeit, Freudlosigkeit,
    • Desinteresse, Antriebslosigkeit,
    • Schlafstörungen, Essstörungen,
    • körperliche Missempfindungen,
    • Suizidalität,
  • Manisches Syndrom
    • (Dis-)Euphorie,
    • Antriebssteigerung,
    • starkes Selbstwertgefühl,
    • vermehrte Geldausgabe, „Größenwahn“,
    • geringes Schlafbedürfnis,
    • ungehemmter Redefluss,
    • Enthemmungen,
  • Paranoid-halluzinatorisches Syndrom
    • Wahnideen,
    • Halluzinationen,
    • Gedankenausbreitung, -entzug oder -eingebung,
  • Katatones Syndrom
    • Starre / Erregung,
    • Echolalie,
    • Echopraxie,
    • Bewegungs- und Haltungsstereotypen,
  • Hypochondrisches Syndrom
    • jammernd, klagend,
    • ängstlich,
    • genaueste Selbstbeobachtung,
    • Angst vor Krankwerden,
  • Angstsyndrom
    • Angstzustände (diffus oder situationsbedingt),
    • Hyperaktivität in diesen Zuständen,
  • Zwangssyndrom
    • immer wiederholte Gedanken, die als sinnlos und quälend empfunden werden,
    • Impulse, Handlungen,
  • Hirnorganisches Syndrom
    • Einschränkung kognitiver Funktionen,
    • Einschränkung der Denkleistung,
    • Orientierungsprobleme,
    • Konzentrationsverlust, -schwäche,
  • Delirantes Syndrom
    • Orientierungsprobleme, Verwirrtheit,
    • motorische Unruhe,
    • vegetative Entgleisungen (Schwitzen …),
  • Konversionssyndrom
    • motorische Störungen (Lähmungen),
    • Schmerzlosigkeit, Schmerzzustände

Leitprinzipien für Pädagogik und Therapie

Pädagogen, Therapeuten und Psychotherapeuten sollten sich bei den Aufgaben und Zielen nicht im Weg stehen, sondern sich gegenseitig unterstützen. Es muss eine gemeinsame Basis gefunden werden, um den Patienten bestmöglich zu helfen. Zur Unterstützung der Therapie dienen neun Leitprinzipien:

  1. Erwachsenengemäße Orientierung – Erwachsene, die an einer geistigen Behinderung leiden, werden oftmals immer wieder als Kind behandelt. Sie werden als „ewige Kinder“ angesehen und bekommen so nicht den Respekt, den sie verdienen.
  2. Subjektzentrierung – Bei der Therapie soll auf den Betroffenen geachtet werden. Seine Wünsche müssen respektiert werden. Die Behinderung darf nicht zum bloßen Objekt der Therapie werden.
  3. Ich-Du-Bezug – Jede Therapie sollte als partnerschaftliche Beziehung und nicht als Zwang (oder ähnliches) angesehen werden.
  4. Emanzipatorisches Prinzip – Der Patient soll sich eigenständig zu einem ich-starken Menschen entwickeln. Seine Wünsche und Interessen sollen mit in seine Entwicklung eingehen. Genau wie jeder andere Mensch hat er seinen Platz in der Gesellschaft.
  5. Assistenz und Kooperation – Der Weg zur Selbständigkeit ist das Ziel. Nicht das Ziel an sich.
  6. Ganzheitlich-integratives Prinzip – Der geistig behinderte Mensch muss als „Einheit“ angesehen werden. Jede Arbeit der Pädagogik sollte „multiperspektivisch“ angelegt sein.
  7. Prinzip der Entwicklungsgemäßheit – Die Orientierung am Menschen steht im Vordergrund: In einer für den Patienten angenehmen Situation soll immer eine Stufe mehr erlernt werden.
  8. Lebensnähe und handelndes Lernen – Der Patient soll im natürlichen Lebensraum sowohl die alltäglichen Hausarbeiten als auch die Lebenswirklichkeit außerhalb des Wohnmilieus erfahren.
  9. „Sein“–lassen und Vertrauen in die Ressourcen – Nicht nur das Lernen und Verbessern der Fähig- und Fertigkeiten sollte im Vordergrund stehen, sondern auch das zweckfreie und selbstbestimmte Leben. Dem Patienten muss die Möglichkeit gegeben werden sein eigens Leben zu entdecken.

Sind Menschen mit geistiger Behinderung im rechtlichen Sinne handlungsfähig und geschäftsfähig, so dürfen sie auch durch Heirat eine Ehe eingehen. Eingriffe in die sexuelle Selbstbestimmung Volljähriger, etwa durch das Personal von Heimen in Form der Verhinderung jeglicher sexueller Betätigung geistig behinderter Bewohner, sind unzulässig.

Verboten sind in Deutschland seit 1992 Zwangssterilisationen von Menschen mit geistiger Behinderung (wie zum Beispiel zur Zeit des Nationalsozialismus, aber auch noch in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland üblich). Ohne ihre Zustimmung dürfen Menschen nicht mehr sterilisiert werden. Das gilt auch für Minderjährige. Bei nicht einwilligungsfähigen Menschen darf ihr Betreuer nur unter den engen Voraussetzungen des § 1905 BGB einwilligen. Soll eine Sterilisation durchgeführt werden, ist ein zusätzlicher Sterilisationsbetreuer zu bestellen.

Art. 23 Absatz 1c des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der UNO fordert von den Mitgliedsstaaten der UNO eine Garantie, dass „Menschen mit Behinderungen, einschließlich Kindern, gleichberechtigt mit anderen ihre Fruchtbarkeit behalten.“

Die Anliegen, deren Realisierung ein Ziel von Menschen mit unterschiedlichen kognitiven Behinderungen und deren Familien und Freunden ist, lassen sich zusammenfassen in den Leitgedanken:

  • Soziale Teilhabe statt Pflege
  • Überlegte Planung statt Barrierenerrichtung
  • Achtung und Respekt statt Diskriminierung
  • Integrierte Teilhabe statt vorgeburtlicher Selektion und gesellschaftlich-institutioneller Ausgrenzung

Veraltete Bezeichnungen

Schwachsinn und (bei angeborenen Formen) Oligophrenie (lateinisch Oligophrenia) sind veraltete Fachbegriffe für eine geistige Behinderung oder besser, nach aktueller Nomenklatur, „Intelligenzminderung“. Die alten Begriffe Debilität (von lateinisch debilis ‚ungelenk, schwach‘), Imbezillität (von lat. imbecillus ‚schwach, gebrechlich‘) und Idiotie (von gr. ἰδιώτης idiotes ‚der abgesondert, für sich Lebende‘), auch Idiotismus, bezeichneten unterschiedliche Grade des Schwachsinns. Auf Vorarbeiten von Philippe Pinel aufbauend hatte Jean Étienne Esquirol Anfang des 19. Jahrhunderts die „Idiotie“ von der Demenz unterschieden. Nach heutiger Nomenklatur entspricht die Debilität einer leichten (ICD-10F 70), die Imbezillität einer mittelgradigen (F 71) und schweren (F 72) und die Idiotie einer schwersten Intelligenzminderung (F 73). Die alten Begriffe sind vollständig aus der Fachsprache verschwunden. Die Begriffe Idiotie und Debilität (weniger Imbezilität) fanden als Schimpfwörter Eingang in die Alltagssprache und waren daher zuletzt aufgrund dieser negativen Konnotation gar nicht mehr fachsprachlich verwendbar. Der Begriff Schwachsinn ist auch inhaltlich ungeeignet, weil er nur kleine Teilaspekte der geistigen Behinderung bezeichnet, die man früher fälschlicherweise als wesentlich für die Behinderung ansah.

Der Begriff Schwachsinn fand sich bis Dezember 2020 noch im Strafgesetzbuch (StGB) der Bundesrepublik Deutschland ( StGB „Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen“). Mit dem 60. Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuchs vom 30. November 2020 wurde dieser durch den Begriff „Intelligenzminderung“ ersetzt. Im Betreuungsrecht, das 1992 eingeführt wurde, wird demgegenüber der Begriff der geistigen Behinderung in BGB verwendet.

Alternativen für den Begriff „geistig Behinderte“, Interpretations- und Zuordnungsprobleme

Auch der Sprachgebrauch im Umgang mit Menschen, die diese Behinderung haben, hat sich deutlich gewandelt. So wurde in den 1960er Jahren noch von „geistig Behinderten“ oder „Schwachsinnigen“ gesprochen. Da diese Formulierungen jedoch die Behinderung vor dem Menschen betonen und diesen damit stigmatisieren, wurde später vom „Menschen mit geistiger Behinderung“ gesprochen. Damit wird der Mensch in den Vordergrund gestellt und die geistige Behinderung ist eine von vielen Eigenschaften. In der DDR wurde der Begriff teilweise durch „psychische Behinderung“ ersetzt, da man die Psyche in ihrer Eigenschaft als Körperfunktion unterstreichen wollte und nicht als geistige, körperunabhängige Eigenschaft verstand. Beide Begriffe sind noch gebräuchlich, werden als konnotativ neutral verwendet, bezeichnen jedoch leicht unterschiedliche Dinge, denn die „psychische Behinderung“ bezeichnet auch psychiatrische Krankheitsbilder, die nicht oder unwesentlich mit einer Intelligenzminderung einhergehen, die Person aber in ihrer Alltagstüchtigkeit beeinträchtigen. So können ausgeprägte depressive Syndrome – durch Antriebsminderung, Interessenverlust und Konzentrationsminderung – die Lern- und Leistungsfähigkeit so weit behindern, dass man von einer „depressiven Pseudodemenz“ spricht, wobei eine „geistige“ Behinderung nach heutigem Begriffsverständnis aber keineswegs vorliegt.

Auch Sichtweisen, die eine Behinderung als soziale und weniger als personale Kategorie ansehen, haben die Sichtweise von geistiger Behinderung gewandelt. So unterscheidet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2001 zwischen der ursächlichen Schädigung, der daraus resultierenden Beeinträchtigung der Aktivität, der Beeinträchtigung der Teilhabe in einem Lebensbereich oder einer Lebenssituation, sowie den Umfeldfaktoren in der physikalischen, sozialen und einstellungsbezogenen Umwelt. Damit muss eine Schädigung oder eine Aktivitätsbeeinträchtigung nicht zwingend zu einer sozialen Beeinträchtigung und damit Behinderung führen.

In den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz von 1994 und 1998 wird vom Förderschwerpunkt geistige Entwicklung als Zielgebiet der Sonderpädagogen gesprochen. Als Bezeichnung für entsprechende Schüler wird weiterhin Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung verwendet; es tauchen jedoch vereinzelt schon Bezeichnungen auf wie Kinder und Jugendliche mit dem Förderbedarf geistige Entwicklung oder Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf im Bereich ganzheitliche Entwicklung.

Alternativbegriff „Menschen mit einer kognitiven Behinderung“

Von einigen Autoren und zunehmend auch Vertretern verschiedener pädagogischer Richtungen wie Sonderpädagogik, Sozialpädagogik oder Heilpädagogik wird der Begriff kognitive Behinderung bevorzugt.

Der Begriff kognitive Behinderung (cognitive disability) wird von einer Anzahl von Vertretern aus Literatur und Lehre gegenüber der geistigen Behinderung bevorzugt, da er den qualitativen Unterschied zwischen Geist und Gehirn oder zwischen geistigen Fähigkeiten und kognitiven Fähigkeiten herausstelle.

So zählten zu den geistigen Fähigkeiten eines Menschen auch das Vermögen, Gefühle – wie etwa Wut, Trauer, Freude, Glück oder auch Empathie – zu empfinden beziehungsweise auszudrücken. Dieses Fähigkeitsspektrum ist beispielsweise bei Menschen mit Down-Syndrom (Trisomie 21), denen bislang das Attribut einer geistigen Behinderung zugeschrieben wurde, normalerweise gar nicht beeinträchtigt, weshalb die gängige Bezeichnung ihren Kritikern als zu unscharf oder sogar als diskriminierend erscheint.

Zu den von einer Behinderung betroffenen kognitiven Fähigkeiten zählten dagegen Aufmerksamkeit, Wahrnehmungsfähigkeit, Erkenntnisfähigkeit, Schlussfolgerung, Urteilsfähigkeit, Erinnerungsvermögen und Merkfähigkeit, Lernfähigkeit, Abstraktionsvermögen und Rationalität.

Gegner einer alternativen Sprachregelung führen an, dass auch der neue Begriff Unschärfen berge – so konzentriere er sich auf Fähigkeiten der Ratio, decke aber im Gegensatz zur alten Nomenklatur Aspekte der emotionalen und sozialen Reife nicht ab, die durchaus von einer geistigen Behinderung betroffen sein können. Die diskriminierende Wirkung des alten Begriffs unterliege der Bedeutungsverschlechterung, die auch jede Neuschöpfung nach längerem Gebrauch erfassen würde und ihrerseits eine Ersetzung erfordere.

Der Stand der Verbreitung des neuen Begriffs in Literatur und Lehre ist sehr unterschiedlich, je nach Autor und Fakultät. Während er die meiste Verbreitung unter progressiven Vertretern der Sonder- und Sozialpädagogik findet, ist er etwa im Bereich der Medizin und der Psychiatrie kaum bekannt. In der Terminologie der Neurologie würde man unter einer kognitiven Behinderung im Wortsinn dagegen auch den isolierten Ausfall einer kognitiven Funktion, etwa eine starke Störung der Merkfähigkeit, verstehen wie sie etwa durch eine Schädigung des Gehirns hervorgerufen werden kann. In den Alltagssprachgebrauch außerhalb der Fachwelt hat der Begriff kognitive Behinderung noch keinen Einzug gehalten.

Alternativbegriff „Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung“

Ein Trend ist erkennbar, das Wort „Behinderung“ generell zu meiden und durch das Wort „Beeinträchtigung“ zu ersetzen. Demnach würden sprachlich aus „Menschen mit einer geistigen Behinderung“ „Menschen mit einer kognitiven (oder mentalen) Beeinträchtigung“. So Sprechende und Schreibende verkennen allerdings, dass das deutsche Sozialrecht eine scharfe Grenze zwischen Menschen mit und ohne Behinderung zieht. Diese Grenze verteidigte Peter Masuch, Präsident des Bundessozialgerichts, auf dem Werkstättentag 2016 in Chemnitz: „Während […] der Mensch ohne Behinderung sich wegen des Nachrangs der Sozialhilfe selber helfen kann und muss, bedarf der Mensch mit Behinderung der Unterstützung durch Mitmenschen und Gesellschaft.“ So sind beispielsweise Beschäftigte in einer Werkstatt für behinderte Menschen zuverlässig vor Arbeitslosigkeit geschützt, nicht aber Menschen unterhalb des gesetzlichen Renteneintrittsalters, denen bescheinigt wurde, zumindest teilweise erwerbsfähig zu sein. Hintergrund der Aussage Masuchs ist die Absicht, den Personenkreis, der sich rechtwirksam auf die UN-Behindertenrechtskonvention berufen können soll, in Grenzen zu halten.

Wer Menschen mit einer Behinderung als „beeinträchtigt“ oder auch „benachteiligt“ bezeichnet, verunklart, ob bzw. inwieweit Vorschriften des Sozialgesetzbuchs auf die betreffenden Personen anwendbar sind, da nicht jede, sondern nur eine dauerhafte und gravierende Beeinträchtigung rechtlich als „Behinderung“ gilt. Beim Begriff „Beeinträchtigung“ wird (Kategorie „Dauerhaftigkeit)“ verunklart, dass z. B. Menschen mit einer wahrscheinlich mittelfristig ausheilenden Fraktur (anders als Menschen mit einer Behinderung) nur vorübergehend auf Barrierefreiheit angewiesen sind, während z. B. Personen, die einen Kinderwagen schieben, nicht „gravierend“ durch Drehtüren beeinträchtigt sind.

Alternativbegriff „Praktisch Bildbare“

Im Land Hessen wurde 1962 offiziell eine neue Schulform eingerichtet, die „Schule für Praktisch Bildbare (Sonderschule)“. Durch diese neue Schulform wurde nicht nur anerkannt, dass auch Menschen, die aller Voraussicht nach nie lesen, schreiben und rechnen können werden, ein Recht auf Bildung besitzen, wenn sich diese auch weitgehend auf praktische Fertigkeiten beschränkt, die die betreffenden Menschen erlernen können. Zugleich wird durch die Begriffswahl sprachlich das Wortfeld „Behinderung“ gemieden. Der Begriff „praktisch Bildbare“ ist bis heute im amtlichen Sprachgebrauch in Hessen üblich.

Alternativbegriff „Menschen mit Lernschwierigkeiten“

Die Self-Advocacy-Bewegung (Selbstvertretung behinderter Menschen), in Deutschland am stärksten vertreten durch den Verein People First e.V., lehnt den Ausdruck „geistige Behinderung“ ebenfalls aufgrund der ihm zugeschriebenen Diskriminierung ab und setzt sich für seine Abschaffung ein. Sie fordert, den Begriff „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ zu verwenden und damit den Unterschied zu Menschen mit Lernbehinderungen aufzuheben, weil es so etwas wie „geistige Behinderung“ gar nicht gebe. Der Unterschied zwischen Sachverhalten, die üblicherweise als „geistige Behinderung“ bezeichnet werden, und üblicherweise als „Lernbehinderung“ bezeichneten Sachverhalten wird dabei bewusst verwischt.

Andere Selbsthilfegruppen haben den Impuls von „Mensch zuerst“ wohlwollend aufgegriffen:

„‚[G]eistig Behinderte‘ werden oft nicht ernst genommen. Man redet mit ihnen dann wie mit Kindern. Oder man redet gar nicht mit ihnen selbst. Oft werden nur ihre Begleiter angesprochen. Die Leute von der Selbsthilfeorganisation ‚Mensch zuerst (People First)‘ sagen: Die Bezeichnung ‚Menschen mit Lernschwierigkeiten‘ ist besser. Das finden wir auch.“

Verein berlin inklusion e.V.

Der Begriff „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ hat auch Eingang in wissenschaftliche Studien gefunden.

Einige Ortsverbände der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung haben, aufgrund ihrer Öffnung für andere Behindertenrichtungen, den Begriff „geistige“ aus ihrem Namen gestrichen, während andere bei der alten Bezeichnung geblieben sind. In einer von der Bundesvereinigung Lebenshilfe herausgebrachten Informationsbroschüre wird bereits eingeräumt, dass „geistige Behinderung … vielleicht kein Wort für die Zukunft“ sei und man es nur so lange weiter verwende, bis ein besserer Begriff gefunden wird.

Die Lebenshilfe Österreich hat sich bereits dazu entschlossen, sich auf Bundesebene nunmehr „Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung“ zu nennen und auf das „geistiger“ vollständig zu verzichten. Momentan wird über Alternativen nachgedacht; es soll „eine neue Definition und eine Klassifikation gefunden werden, die auf der Beschreibung von kognitiven Fähigkeiten“ basiert. Auch andere Selbsthilfeorganisation halten den Kompromiss für akzeptabel, den Begriff „Behinderung“ (ohne Attribut) beizubehalten, zumal er ein Schlüsselbegriff des deutschen Sozialrechts sei, ohne dessen Benutzung man keine brauchbaren Aussagen über die Rechtslage machen könne.

Ein Problem bei dem völligen Verzicht auf das Wortfeld „Behinderung“ im Zusammenhang mit dem Begriff „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ besteht darin, dass einer Studie zufolge 20 bis 25 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland von „Lernschwierigkeiten“ betroffen sein sollen. Die meisten dieser jungen Menschen gelten nicht als behindert. Eigentlich werden von Psychologen „eher temporäre, partielle und leichtere Formen der Lernerschwernis“ als „Lernschwierigkeiten“ bezeichnet. Wenn die Formulierung „Mensch mit Lernschwierigkeiten“ im Sinne von „Mensch zuerst“ zum gängigen Sprachgebrauch wird, versteht z. B. nur derjenige, der weiß, dass Ausbildungsgänge zum Fachpraktiker in der Regel nicht für Menschen mit geistigen Behinderungen geeignet sind, auf Anhieb, dass mit der Aussage: „Die Ausbildung zum/zur ‚Fachpraktiker/-in Service in sozialen Einrichtungen‘ dauert zwei Jahre und richtet sich an Haupt- und Förderschüler/-innen ab 16 Jahren mit Lernschwierigkeiten“ geistig behinderte Schulabsolventen nicht mitgemeint sind. (An anderer Stelle im zitierten Text ist allerdings davon die Rede, dass der Ausbildungsgang „jungen, lernbehinderten [sic!] Menschen eine echte Chance auf dem 1. Arbeitsmarkt ermöglichen“ solle).

Alternativbegriffe „anders Begabte“ und „Menschen mit besonderen Fähigkeiten“

Zunehmend werden Menschen mit einer geistigen Behinderung von institutioneller Seite als „anders Begabte“ oder als „Menschen mit besonderen Fähigkeiten“ bezeichnet. Diese Bezeichnung ist durchaus ernsthaft gemeint. Anerkannt ist das künstlerische Schaffen geistig behinderter Menschen, dessen Ergebnisse dem Sammelbegriff Art brut zugeordnet werden. Es gibt eine Reihe von Ansätzen, das kreative und künstlerische Potenzial geistig Behinderter gesellschaftlich bewusst zu machen und zu fördern. So ist das Projekt „Spinnst du?“, in dem geistig Behinderte künstlerisch aktiv werden, mit dem „Förderungspreis für Kunst- und Kulturprojekte zur Integration von Menschen mit Behinderung 2006“ der Republik Österreich und mit einem Preis der Unruhe Privatstiftung der „SozialMarie 2008“ ausgezeichnet worden. Diese Begriffe haben sich im Alltagsgebrauch der Mehrheitsbevölkerung allerdings noch nicht durchgesetzt.

Allerdings besteht die Gefahr einer Euphemismus-Tretmühle und, dass der Begriff „Menschen mit besonderen Fähigkeiten“ auf herkömmliche Weise interpretiert wird. Mit diesem Begriff werden traditionell eher Hochbegabte und Menschen mit ausgeprägten Spezialtalenten bezeichnet.

Während ein hoher medizinischer und pädagogischer Standard und ein verbessertes Wissen um Entwicklungsmöglichkeiten es Menschen mit geistiger Behinderung mittlerweile in vielen Ländern ermöglicht, ein gutes und langes Leben zu führen, sieht es in manchen Regionen dahingehend noch sehr schlecht aus. In Russland beispielsweise wird auch heute noch Eltern eines behinderten Kindes geraten, es in ein Heim zu geben. Durch unzureichende personelle und materielle Ausstattung, Mangelernährung und wenig Bewegungsfreiheit und so gut wie keine pädagogische Zuwendung, Förderung und Therapie werden viele Entwicklungsschritte nicht erreicht (Laufen und Sprechen). Oftmals versterben die Kinder bereits vor dem Erreichen der Pubertät, da sie medizinisch kaum oder ungenügend behandelt werden. Eine Schulbildung ist wenn überhaupt nur für leicht beeinträchtigte Kinder und Jugendliche vorgesehen und Arbeitsmöglichkeiten für erwachsene Menschen mit Behinderung sind nur sporadisch vorhanden.

  • Rachna Gilmore: Eine Freundin wie Zilla. Klopp, München 1997, ISBN 3-7817-0660-5.
  • Karin Jaeckel: Mitleid? Nein danke! 1990, für Jugendalter.
  • Elizabeth Laird: Ben lacht. 1999, ab 14 Jahre.
  • Grete Randsborg-Jenseg: Lieber Niemand. 1997, ab 14 Jahre.
  • Inge Obermayer: Georgie. Ueberreuter, Wien 1989, ISBN 3-8000-2305-9.
  • Renate Welsh: Drachenflügel. dtv, München 1992.
  • Sarah Weeks: So B. It. Hanser, München 2005, ISBN 3-446-20643-4.
  • Albert Lingg, Georg Theunissen: Psychische Störung bei geistig Behinderten. Freiburg im Breisgau 1993.
  • Georg Feuser: Geistigbehinderte gibt es nicht! Projektionen und Artefakte in der Geistigbehindertenpädagogik. In: Geistige Behinderung. 1/1996, S. 18–25.
  • A. Dosen: Psychische Störungen bei geistig behinderten Menschen. Gustav Fischer Verlag, 1997.
  • Otto Speck: System Heilpädagogik. Eine ökologisch reflexive Grundlegung. München/ Basel 1998.
  • Erhard Fischer (Hrsg.): Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung. Sichtweisen – Theorien – aktuelle Herausforderungen. Oberhausen 2003.
  • Ernst Wüllenweber, Georg Theunissen, Heinz Mühl (Hrsg.): Pädagogik bei geistigen Behinderungen. Ein Handbuch für Studium und Praxis. Stuttgart 2006.
  • Angela Moll: Sexualität geistig Behinderter – behinderte Sexualität? Schwäbisch Hall 2010.
  • Erik Bosch: Sexualität und Beziehungen bei Menschen mit einer geistigen Behinderung. Ein Hand- und Arbeitsbuch. 3. Auflage. dgvt, Tübingen 2013, ISBN 978-3-87159-031-3.
  • – kindergesundheit-info.de: unabhängiges Informationsangebot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
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Geistige Behinderung
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Geistige Behinderung andauernder Zustand vergleichsweise geringer kognitiver Fahigkeiten Sprache Beobachten Bearbeiten Die Artikel Geistige Behinderung und Intelligenzminderung uberschneiden sich thematisch Informationen die du hier suchst konnen sich also auch im anderen Artikel befinden Gerne kannst du dich an der betreffenden Redundanzdiskussion beteiligen oder direkt dabei helfen die Artikel zusammenzufuhren oder besser voneinander abzugrenzen Anleitung Dieser Artikel oder Absatz stellt die Situation in Deutschland dar Hilf mit die Situation in anderen Staaten zu schildern Klassifikation nach ICD 10F70 F73 Intelligenzminderung IQ unter 70 F74 dissoziierte Intelligenz deutliche Diskrepanz von mindestens 15 Punkten zwischen Sprach und Handlungs IQ von WHO inzwischen gestrichen F78 Andere Intelligenzminderung Beurteilung der Intelligenzminderung nicht moglich F79 Nicht naher bezeichnete Intelligenzminderung Intelligenzminderung nicht einzuordnen ICD 10 online WHO Version 2019 Der Begriff geistige Behinderung auch geistige Zuruckgebliebenheit und mentale Retardierung bezeichnet einen andauernden Zustand deutlich unterdurchschnittlicher kognitiver Fahigkeiten eines Menschen sowie die damit gegebenenfalls verbundenen Einschrankungen seines Gefuhlslebens und Verhaltens sowie motorischer Fahigkeiten Eine eindeutige und allgemein akzeptierte Definition ist jedoch schwierig Medizinisch orientierte Definitionen sprechen von einer Minderung oder Herabsetzung der maximal erreichbaren Intelligenz Auch die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme ICD 10 bezeichnet dieses Phanomen als Intelligenzminderung F70 79 Demnach lasst sich rein auf die Intelligenz bezogen eine geistige Behinderung als Steigerung und Erweiterung einer Lernbehinderung verstehen Andere Definitionen rucken statt der Intelligenz dagegen starker die Interaktion des betroffenen Menschen mit seiner Umwelt in den Blick Der Begriff muss von ahnlichen Phanomenen abgegrenzt werden Alters oder krankheitsbedingter Verlust vorher beherrschter Fahigkeiten und damit auch der Intelligenz wird als Demenz bezeichnet Bei dauerhaften Beeintrachtigungen durch psychische oder neurologische Erkrankungen die sich primar durch Denkstorungen bei weitgehend erhaltener Intelligenz darstellen spricht man von einer psychischen Behinderung Allgemein konnen psychische korperliche und geistige Behinderungen unabhangig voneinander oder auch kombiniert auftreten Inhaltsverzeichnis 1 Diagnose 1 1 Intelligenztest 1 2 Andere Diagnose Verfahren 2 Differentialdiagnose 3 Symptome 4 Grade der geistigen Behinderung 5 Ursachen 5 1 Genetik 6 Forderung in Deutschland 7 Arbeits und Wohnsituation in Deutschland 8 Rechtslage in Deutschland 9 Psychische Storungen bei Menschen mit geistiger Behinderung 9 1 Einfuhrung 9 2 Entstehungstheorien 9 2 1 Erklarungsmodelle von psychischen Storungen bei geistig Behinderten 9 2 2 Blockade der sozio emotionalen Entwicklung 9 2 3 Abweichende sozio emotionale Entwicklung 9 2 4 Erworbene psychische Erkrankungen 9 3 Diagnostik 9 4 Syndrome 9 4 1 Ubersicht der bekanntesten Syndrome 9 5 Leitprinzipien fur Padagogik und Therapie 10 Geistige Behinderung und Sexualitat 11 Anliegen fur die Zukunft 12 Diskussionen uber den Begriff und das ihm zugrunde liegende Konzept 12 1 Veraltete Bezeichnungen 12 2 Alternativen fur den Begriff geistig Behinderte Interpretations und Zuordnungsprobleme 12 2 1 Alternativbegriff Menschen mit einer kognitiven Behinderung 12 2 2 Alternativbegriff Menschen mit einer kognitiven Beeintrachtigung 12 2 3 Alternativbegriff Praktisch Bildbare 12 2 4 Alternativbegriff Menschen mit Lernschwierigkeiten 12 2 5 Alternativbegriffe anders Begabte und Menschen mit besonderen Fahigkeiten 13 Landerspezifische Situation 14 Kinder und Jugendliteratur 15 Literatur 16 Weblinks 17 EinzelnachweiseDiagnoseIntelligenztest Hauptartikel Intelligenzminderung Eine Diagnose der geistigen Behinderung bezieht sich oft auf die Messung einer deutlichen Intelligenzminderung mit Hilfe standardisierter Intelligenztests Ein Intelligenzquotient IQ im Bereich von 70 bis 85 ist unterdurchschnittlich in diesem Fall spricht man von einer Lernbehinderung Ein IQ unter 70 bedingt dann die Diagnose der geistigen Behinderung Eine weitere Unterteilung dieses Bereiches wird von manchen Autoren als obsolet angesehen da es keine Messverfahren gibt die hier valide und reliable Ergebnisse mit der notigen Trennscharfe ergeben Auch heute ist die Zuschreibung einer geistigen Behinderung per Intelligenzmessung sehr umstritten IQ Tests werden zwar regelmassig durchgefuhrt aber nicht als alleiniger Wert interpretiert Teilweise ist die Durchfuhrung eines Intelligenztests wegen einer korperlichen Behinderung oder einer Verhaltensstorung nicht moglich Andere Diagnose Verfahren Die individuelle Einzelfallbeschreibung im Rahmen einer systemischen Analyse der Mensch Umfeld Verhaltnisse ist heute ublich Ist selbstandiges Essen und Trinken Ankleiden moglich Im Bereich der geringsten Intelligenzleistungen die bei schweren Krankheitsbildern Verwachsungen im Gehirn oder kriegsbedingt zerstorten Hirnteilen auftreten wurde fruher die Klassische Konditionierung auf bestimmte Reize diagnostisch verwendet Lasst sich der Patient mit positiven Reizen oder regelmassigen Gewohnheiten Sussigkeiten Essenszeiten konditionieren oder konnen nur noch aversive Reize mit einer Vermeidungsreaktion verbunden werden konnten Klinisch wurde die Diagnose vor allem im Sinn einer Grenzangabe z B grenzdebil verwendet obgleich auch eine Skalierung mit Punktwerten vornehmbar war Die Angaben verloren daher im unteren Bereich ihren Wert als Verteilungsfunktion und waren eine reine diagnostische Klasse DifferentialdiagnoseEinige Krankheits oder Behinderungsbilder ahneln oberflachlich der geistigen Behinderung sind jedoch im Sinne einer Differentialdiagnose von ihr zu unterscheiden Das ist zum Beispiel der fruhkindliche Autismus die psycho soziale Deprivation auch Deprivationssyndrom oder Hospitalismus die Demenz oder auch hirnorganische Krankheiten Auch die so genannte Pseudodebilitat auch Pseudodemenz beim Erwachsenen Ganser Syndrom ist von der geistigen Behinderung zu unterscheiden denn hier ist die kognitive Beeintrachtigung Konversionssymptom Die hauptsachlichen Unterscheidungen bestehen darin dass die geistige Behinderung von Anfang an besteht dass keine Wahnsymptome vorhanden sind und dass das Sozialverhalten nicht autistisch ist SymptomeAm auffalligsten sind die Verzogerung der kognitiv intellektuellen Entwicklung im Kindesalter die Lernschwierigkeiten in der Schule und das herabgesetzte Abstraktionsvermogen wie Hangenbleiben am Detail oder am sinnlich Wahrgenommenen Leichtglaubigkeit Nicht nur die durchschnittlich maximal erreichbare Intelligenz sondern teilweise auch das Anpassungsvermogen und die soziale und emotionale Reife sind beeintrachtigt Eine geistige Behinderung ist haufig mit anderen Besonderheiten verbunden wie Autismus Fehlbildungen des Gehirns Lernstorungen Beeintrachtigung der Motorik und der Sprache Sie beeinflusst nicht unbedingt die Fahigkeit Gefuhle zu empfinden wie Freude Wut oder Leid vgl kognitive Behinderung jedoch zum Teil die Fahigkeit mit diesen Gefuhlen umzugehen und sie lautsprachlich zu kommunizieren Die Lebenserwartung von Menschen mit einer geistigen Behinderung ist durchschnittlich zwolf Jahre niedriger als die der Gesamtbevolkerung und bei ihnen tritt Gebrechlichkeit fruher auf 1 Grade der geistigen Behinderung Hauptartikel Intelligenzminderung Die ICD 10 Klassifikation teilt die geistige Behinderung in verschiedene Grade der Intelligenzminderung ein Ursachen Baby mit typischen Gesichtsmerkmalen des Fetalen Alkoholsyndroms ausgelost durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft Kleine Augen glattes Philtrum schmale Oberlippe Als Ursachen fur eine geistige Behinderung gelten einerseits endogene Faktoren die meist eine erbliche Grundlage Erbkrankheiten oder Chromosomen Besonderheiten wie Down Syndrom Sotos Syndrom oder Katzenschrei Syndrom aufweisen Exogene Faktoren wahrend der Schwangerschaft sind erworbene cerebrale Schadigungen des Embryos durch beispielsweise Alkoholkonsum der Schwangeren Gehirnentzundung Hirnhautentzundung Kretinismus Unterernahrung der Schwangeren zum Beispiel durch Hungersnot Essstorung rituelles Fasten z B Ramadan diese fuhren zu einer fruheren Geburt und geringerem Geburtsgewicht 2 Radioaktive Bestrahlung der Schwangeren siehe auch Strahlenkrankheit Unfall Sauerstoffmangel wahrend der Geburt Niedrige Vitamin D Blutwerte sind moglicherweise ungunstig fur die Gehirnleistung Darauf deuten Daten einer US Studie mit 858 Teilnehmern uber 65 Jahre hin Bei Teilnehmern mit niedrigen Vitamin D 25 OH Werten zu Studienbeginn unter 25 nmol l war nach sechs Jahren die Rate fur kognitive Beeintrachtigungen um 60 hoher als bei Teilnehmern mit hohen Werten uber 75 nmol l und um 31 hoher als bei ausreichenden Ausgangswerten 3 Die haufigste genetische Ursache von geistigen Behinderungen ist das Down Syndrom Die haufigste nicht genetische Ursache von geistiger Behinderung ist das fetale Alkoholsyndrom das durch Alkoholkonsum der Schwangeren ausgelost oder verursacht wird Eindeutige Ursachenzuschreibungen sind manchmal schwierig bzw nicht moglich In vielen Fallen sind sie in Form einer Schuldzuschreibung auch fur eine rechtzeitige Fruhforderung und Forderung eher hinderlich oder kontraproduktiv Genetik Die haufigste genetische Ursache von verminderter Intelligenz ist das Down Syndrom mit einer durchschnittlichen Haufigkeit Pravalenz von etwa 1 500 Auch andere Chromosomenaberrationen konnen die neuronale Entwicklung beeintrachtigen Im Gegensatz zu Erbkrankheiten sind Chromosomenaberrationen erst kurz vorher in einer Eizelle der Mutter entstanden Erbkrankheiten im engeren Sinn sind seltene bis sehr seltene Mutationen die meist bereits uber mehrere Generationen ubertragen wurden Im Folgenden eine Liste der Erbkrankheiten die zu neuronalen Entwicklungsstorungen mit verminderter Intelligenz beim Neugeborenen fuhren konnen Name Erbgang Haufigkeit ICD 10 OrphaNet Betroffene Gene ProteineBorjeson Forssman Lehmann Syndrom X rezessiv Q87 8 2 PHF6Brunner Syndrom X rezessiv E70 8 F54 3 MAOA Monoaminooxidase Coffin Lowry Syndrom X rezessiv 2 100 000 F78 8 4 RPS6KA3Cornelia de Lange Syndrom X rezessiv autosomal dominant gesamt 1 9 100 000 Q87 1 5 NIPBL SMC1A SMC3Cri du Chat Partielle Monosomie am Chromosom 5 1 50 000 Q93 4 Geistige Behinderung In Orphanet Datenbank fur seltene Krankheiten FG Syndrom X rezessiv gt 1 1 000 Q87 8 6 BRWD3 CASK FLNA MED12 UPF3BFragiles X Syndrom X rezessiv 5 9 10 000 Q99 2 7 FMR1 Fragile X Mental Retardation 1 Protein FRAXE Syndrom X rezessiv 1 9 1 000 000 8 AFF2Hennekam Syndrom autosomal rezessiv unter 1 1 000 000 9 CCB1Joubert Syndrom sporadisch uber 100 Falle Q04 3 10 INPP5ELujan Fryns Syndrom X rezessiv F79 11 MED12 UPF3BMartsolf Syndrom autosomal rezessiv unter 20 Falle Q87 8 12 RAB3GAP2MASA Syndrom X rezessiv 1 9 100 000 G11 4 13 L1CAMMikrozephalie primare autosomal rezessiv gesamt 2 4 100 000 Q02 14 ASPM CDK5RAP2 CENPJ CEP152 MCPH1 STILMorbus Gaucher autosomal rezessiv 1 9 100 000 E75 2 Geistige Behinderung In Orphanet Datenbank fur seltene Krankheiten GBAMukopolysaccharidose Enzymdefekte Lysosomale Speicherkrankheit E76 0 E76 1 E76 2 E76 3 Geistige Behinderung In Orphanet Datenbank fur seltene Krankheiten Nordisches Epilepsiesyndrom Neuronale Ceroid Lipofuszinose Typ 8 autosomal rezessiv unter 1 1 000 000 E75 4 15 CLN8Partington Syndrom X rezessiv unter 1 1 000 000 16 ARXPierre Robin Sequenz verschiedene Formen 1 9 100 000 Q87 0 Geistige Behinderung In Orphanet Datenbank fur seltene Krankheiten Renpenning Syndrom X rezessiv 17 PQBP1Rett Syndrom atypisches dominant 1 9 100 000 G40 3 18 CDKL5 FOXG1 MECP2 NTNG1Rubinstein Taybi Syndrom autosomal dominant oder unbekannt 1 9 100 000 Q87 2 Geistige Behinderung In Orphanet Datenbank fur seltene Krankheiten CBP p300Sjogren Larsson Syndrom autosomal rezessiv 1 9 1 000 000 E71 3 19 ALDH3A2 Fettaldehyd Dehydrogenase Snyder Robinson Syndrom X rezessiv 11 Falle 20 SMSTyrosinamie Typ II autosomal rezessiv lt 1 1 000 000 E70 2 21 TAT Tyrosin Aminotransferase West Syndrom 1 9 1 000 000 G40 4 22 ARX CDKL5Williams Beuren Syndrom autosomal dominant 1 20 000 50 000 Q78 8 Geistige Behinderung In Orphanet Datenbank fur seltene Krankheiten XLAG Syndrom X rezessiv Q04 0 Q04 3 23 ARXunspez X rezessiv gesamt 6 9 10 000 F78 24 ACSL4 AGTR2 ARHGEF6 AP1S2 ARX ATP6AP2 ATRX CUL4B DLG3 FTSJ1 GDI1 GRIA3 HSD17B10 HUWE1 I1RAPL1 IQSEC2 KDM5C MAGT1 MECP2 OPHN1 PAK3 PHF8 RAB39B RPS6KA3 SHROOM4 SLC9A6 SOX3 SYP TSPAN7 UPF3B ZNS41 ZNS674 ZNS81unspez autosomal rezessiv 25 CC2D1A CRBN Cereblon GRIK2 PRSS12 TRAPPC9 TUSC3unspez autosomal dominant 26 CDH15 Cadherin 15 KIRREL3 MBD5 SYNGAP1 siehe auch Autosomal rezessive primare Mikrozephalie und X chromosomale mentale Retardierung Forderung in DeutschlandUm Kinder mit einer geistigen Behinderung in ihrer Entwicklung bestmoglich zu fordern absolvieren sie oft mit einem moglichst fruhen Beginn eine gezielte Fruhforderung Ihnen stehen im entsprechenden Alter Kindergarten offen mancherorts gibt es integrative Einrichtungen oder spezielle Sonderkindergarten Da in Deutschland das Schulrecht eine Pflicht zum Besuch einer Schule fur alle Kinder und Jugendlichen vorsieht betragt die Schulpflichtzeit auch bei Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung inklusive Berufsschulstufe insgesamt zwolf Jahre Diese Zeit kann jedoch aufgrund besonderer Umstande bei noch zu erwartender Leistungsentfaltungen um mehrere Jahre verlangert werden Sprach man bis zur Mitte des 20 Jahrhunderts Menschen mit einer geistigen Behinderung noch weitgehend die Fahigkeit zur Bildung ab so entstanden im Laufe der Jahre ab etwa 1960 mehr und mehr spezielle Sonderschulen Die traditionelle Bezeichnung der Sonderschule fur geistig Behinderte wird in den einzelnen Bundeslandern mittlerweile durch andere Bezeichnungen abgelost Spatestens seit den 1990er Jahren bemuht man sich um eine schulische Integration auch von Kindern und Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung sie besuchen Regelschulen Im Vergleich zu anderen europaischen Landern Skandinavien Italien Frankreich die eine Integrationsrate von teilweise uber 80 erreichen betragt in Deutschland der Anteil der Schuler mit einer geistigen Behinderung die in eine Sonderschule gehen 97 lediglich 3 werden integrativ beschult 4 Im Zuge der Integrationsbewegung ist auch eine Erwachsenenbildung fur Menschen mit einer geistigen Behinderung vielerorts Realitat geworden Im Bereich der Padagogik kummert sich die Geistigbehindertenpadagogik als Teilgebiet der Sonderpadagogik oder auch Heilpadagogik wissenschaftlich um die Belange von Menschen mit einer geistigen Behinderung Menschen mit einer geistigen Behinderung benotigen in der Regel zur selbststandigen Orientierung Texte in einfacher Sprache sofern sie erfolgreich Lesen gelernt haben Arbeits und Wohnsituation in DeutschlandMenschen mit einer geistigen Behinderung ein moglichst autonomes und selbstbestimmtes Leben zu ermoglichen schliesst auch die Forderung nach einer angemessenen Arbeits und Wohnsituation ein Mit zunehmendem Schweregrad der Behinderung wachst allerdings der Bedarf an Unterstutzung in verschiedenen Lebensbereichen Beweglichkeit Raumliche Mobilitat Kontinenz oder Kommunikation konnen bis hin zur Pflegebedurftigkeit beeintrachtigt sein Spatestens mit der Grundung von speziellen Werkstatten fur behinderte Menschen WfbM seit den 1960er Jahren gab es flachendeckend in Deutschland entsprechende Arbeitsplatze des zweiten Arbeitsmarktes Zunehmend arbeiten Menschen mit einer geistigen Behinderung auch in Arbeitsstellen des ersten Arbeitsmarktes oder in Integrationsbetrieben Menschen mit geistiger Behinderung werden heute in der Regel nicht mehr in Anstalten oder Krankenhausern untergebracht was fruher zur Ausgrenzung und regelmassig zu Hospitalismus fuhrte Moderne Wohnformen sollen nur die jeweils notwendige Unterstutzung bieten und die Selbstbestimmung fordern Die Moglichkeiten umfassen das betreute Wohnen in der eigenen Wohnung oder in einer Wohngemeinschaft das Wohnheim mit individueller Betreuung und Assistenz das Wohnen in Pflegefamilien Beispiel Geel in integrativen Dorfern Beispiel evangelische Stiftung Alsterdorf in Hamburg oder auch in integrativen Wohngemeinschaften wie in Munchen Wahrend die Aufnahme einer Arbeitsstelle in der Regel nach der Schule erfolgt verbleiben viele junge Erwachsene noch fur viele Jahre in ihrer Ursprungsfamilie Rechtslage in DeutschlandAuch Menschen mit einer geistigen Behinderung wird das Recht der Teilnahme am offentlichen Leben nicht abgesprochen Eine Entmundigung eine Vormundschaft oder Gebrechlichkeitspflegschaft gibt es in Deutschland seit 1992 nicht mehr Bei Zweifeln an der Fahigkeit zur selbstandigen Lebensfuhrung kann das zustandige Amtsgericht fur die jeweilige Person eine Betreuung durch andere einrichten Eine Schuldfahigkeit im Strafrecht eine Deliktsfahigkeit und Geschaftsfahigkeit im Zivilrecht oder eine Handlungsfahigkeit im Verwaltungsrecht werden allerdings Menschen mit geistiger Behinderung haufig abgesprochen Entsprechende Regelungen enthalten 19 21 StGB 104 113 BGB und 827 832 BGB Psychische Storungen bei Menschen mit geistiger BehinderungEinfuhrung Problemstellung Es ist erwiesen dass mit einer geistigen Behinderung psychische Storungen bzw psychische Krankheitsbilder meist einhergehen Aus Studien von englischen Autoren wie Rutter 1970 Corbett 1979 1985 Ineichen 1984 und Reid 1980 1985 geht hervor dass psychische Storungen bei geistig behinderten Kindern und Erwachsenen vier bis funfmal haufiger auftreten als in der Normalbevolkerung Auch weitere Untersuchungen in anderen Landern bestatigen eine hohe Vorkommensrate psychischer Erkrankungen bei Menschen mit geistiger Behinderung Entstehungstheorien Erklarungsmodelle von psychischen Storungen bei geistig Behinderten Die Entstehung besonderer psychischer Probleme geistig Behinderter wird entwicklungspsychologisch untersucht nicht zuletzt weil sich in den vorangegangenen Jahrzehnten der Schritt vom Defekt Modell zum Entwicklungsmodell vollzogen hat Diese neue Sichtweise schreibt geistig behinderten Menschen die Moglichkeit zur Entwicklung zu wobei sich die Entwicklungsschritte phasen und abfolgen keineswegs von Nichtbehinderten unterscheiden In der Entwicklungspsychologie existieren unterschiedliche Entwicklungstheorien wobei sie sich alle auf die Erkenntnisse der zwei grossen Psychiater Sigmund Freud und Adolf Meyer stutzen Das Zusammenwirken beider Richtungen kann als Psychodynamik bezeichnet werden Neben psychodynamischen Aspekten treten in der Entwicklungspsychiatrie genetische Faktoren organische Eigenschaften neuropsychologische Zustande kulturelle Einflusse Temperamentsqualitaten und Entwicklungsmuster verschiedener psychischer Funktionen und anderen hinzu Wie bereits erwahnt bedienen sich die Untersucher auf dem Gebiet psychischer Beeintrachtigungen geistig behinderter Menschen Methoden vor dem Hintergrund der Entwicklungspsychiatrie Eine entwicklungsdynamische Betrachtungsweise schliesst die psychische Beeintrachtigung mit ein die durch ein Fehlverhalten der sozialen Umwelt hervorgerufen werden kann biologisches Substrat Funktionen Umfeld Entwicklung Elemente der entwicklungsdynamischen Betrachtung Das entwicklungsdynamische Modell hilft dabei die Probleme geistig Behinderter besser zu verstehen Zur Erklarung des Auftretens von psychischen Storungen bei geistig Behinderten wird bei DOSEN ein multidimensionales Modell der sozio emotionalen Entwicklung verwendet Die Reifung des Kindes im sozio emotionalen kognitiven und neurophysiologischen Bereich vollzieht sich in Abhangigkeit zueinander Die Bereiche entwickeln sich in einem Prozess der in drei Phasen eingeteilt ist sprich die Adaptionsphase die Sozialisationsphase und die individuelle Phase In jeder Phase also in der Zeit vom ersten zum dritten Lebensjahr werden wichtige Funktionen ausgebildet und Wesensmerkmale erworben Es wird davon ausgegangen dass bei geistig Behinderten mit psychischen Storungen die kognitive und sozio emotionale Seite sich nicht parallel und ausgeglichen ausbilden Der kognitive Bereich entwickelt sich gegenuber dem sozio emotionalen Bereich besser Bei einem ungunstigen Verlauf der sozio emotionalen Entwicklung d h wenn ein Kind von der normalen Entwicklung in einer altersspezifischen Phase Adaption Sozialisation und individuelle Phase abweicht oder stehen bleibt sind nach Menolascino 1970 psychische Erkrankungen die Folge Weiterhin kann eine psychische Storung auf eine erworbene Ursache zuruckgehen Bei einer Gruppe von 730 klinisch untergebrachten Kindern stellte man bei 81 eine psychische Storung fest Ihre psychischen Erkrankungen wurden nach dem Diagnoseschema von Menolascino eingestuft Bei 33 der Probanden ermittelte man eine blockierte sozio emotionale Entwicklung ein Anteil von 26 war der abweichenden sozio emotionalen Entwicklung zugeordnet und die restlichen 22 beliefen sich auf erworbene psychische Erkrankungen Blockade der sozio emotionalen Entwicklung Bei einer Blockierung bezuglich der sozio emotionalen Entwicklung reisst die sozio emotionale Entwicklung ab wahrend die kognitive weiterlauft Kommt es in der ersten Adaptionsphase zum Stillstand so stellt sich beim Kind eine primare Kontaktstorung ein Eine sekundare Kontaktstorung liegt vor wenn sich die Symptome einer Kontaktstorung nach einer ersten Bindungserfahrung zeigen Abweichende sozio emotionale Entwicklung Unter abweichende sozio emotionale Entwicklung versteht man dass die sozio emotionale Entwicklung des Kindes voranschreitet aber sich in Qualitat und Richtung von einer Normalentwicklung unterscheidet Erworbene psychische Erkrankungen Die Betroffenen haben hierbei eine Pradisposition fur eine bestimmte Abweichung in einem bestimmten Alter erworben die unter bestimmten Umstanden aufbrechen kann Diagnostik Psychodiagnostik geistig behinderter Patienten Die Untersuchung geistig behinderter Menschen mit psychischen Krankheiten erfolgt mit dem vorhandenen Instrumentarium der Psychiatrie und klinischen Psychologie Sie beinhaltet Techniken und Methoden die hier kurz vorgestellt werden In der Anamnese werden der Patient und seine Familie vom Untersucher zur Krankheitsvorgeschichte befragt Eine Grundmethode der Psychologie zur Personlichkeitsentwicklung ist die Verhaltensbeobachtung Der Untersucher kann den Patienten auf ein bestimmtes Verhalten in einer bestimmten Situation hin wahrnehmen Bei Menschen die einen IQ unter 50 haben ist besonders haufig eine Abweichung des ZNS vorzufinden Da eine Verhaltens und psychische Storung Ausdruck einer organischen Storung z B Abweichung des ZNS sein kann muss durch eine korperliche Untersuchung gepruft werden ob ein Zusammenhang zwischen den beiden Storungen besteht Da das Nervensystem alle organischen und psychologischen Vorgange im Korper beeinflusst wird hierbei auch eine neuropsychologische Untersuchung notwendig Des Weiteren folgen verschiedene Zusatzuntersuchungen wie Rontgenaufnahmen des Schadels EEG CCT und biochemische Blut und Urinuntersuchungen Psychometrische Tests dienen zur Untersuchung von Personlichkeitsmerkmalen Auch die Intelligenz fallt darunter und kann mit sogenannten Intelligenztests ermittelt werden Sie ziehen damit die Grenze zwischen Normalitat und geistiger Behinderung Ein Proband kann nach seinem errechneten IQ in eine Kategorie mit entsprechendem Auspragungsgrad eingestuft werden Lerntests versuchen auch die kognitiven Leistungen des Kindes zu erfassen Das geschieht indem das Kind die Aufgaben immer lost Nach der Feststellung des Leistungsniveaus wird dem Kind geholfen und anschliessend wird die Leistung gemessen Es dient dem Zweck festzustellen welche und in welchem Umfang das Kind Hilfe benotigt um die Aufgabe zu losen Mit Hilfe von sozialen und adaptiven Verhaltensskalen konnen Verhaltensablaufe von geistig Behinderten in ihrer Umgebung registriert werden Bei der psychiatrischen Untersuchung stehen dem Psychiater zwei Verfahren und Mittel zur Verfugung die ihm das Erforschen psychischer Erkrankungen erleichtern Diese werden auch bei Nichtbehinderten kombiniert angewandt Bevor der Psychiater Tests durchfuhrt wird er uber Kommunikation und Beobachtung notwendige Informationen uber seinen Patienten sammeln Der Psychiater wird das Gesprach dahingehend gestalten dass der Patient mit emotional beladenen Themen konfrontiert wird Die Reaktionen des Patienten werden vom Psychiater ausgewertet Schliesslich wird das Gesprach wieder auf entspannte Themen gelenkt und dem Patienten wird Solidaritat vermittelt Syndrome Ubersicht der bekanntesten Syndrome Depressives Syndrom Traurigkeit Gedrucktheit Gefuhllosigkeit Freudlosigkeit Desinteresse Antriebslosigkeit Schlafstorungen Essstorungen korperliche Missempfindungen Suizidalitat Manisches Syndrom Dis Euphorie Antriebssteigerung starkes Selbstwertgefuhl vermehrte Geldausgabe Grossenwahn geringes Schlafbedurfnis ungehemmter Redefluss Enthemmungen Paranoid halluzinatorisches Syndrom Wahnideen Halluzinationen Gedankenausbreitung entzug oder eingebung Katatones Syndrom Starre Erregung Echolalie Echopraxie Bewegungs und Haltungsstereotypen Hypochondrisches Syndrom jammernd klagend angstlich genaueste Selbstbeobachtung Angst vor Krankwerden Angstsyndrom Angstzustande diffus oder situationsbedingt Hyperaktivitat in diesen Zustanden Zwangssyndrom immer wiederholte Gedanken die als sinnlos und qualend empfunden werden Impulse Handlungen Hirnorganisches Syndrom Einschrankung kognitiver Funktionen Einschrankung der Denkleistung Orientierungsprobleme Konzentrationsverlust schwache Delirantes Syndrom Orientierungsprobleme Verwirrtheit motorische Unruhe vegetative Entgleisungen Schwitzen Konversionssyndrom motorische Storungen Lahmungen Schmerzlosigkeit SchmerzzustandeLeitprinzipien fur Padagogik und Therapie Padagogen Therapeuten und Psychotherapeuten sollten sich bei den Aufgaben und Zielen nicht im Weg stehen sondern sich gegenseitig unterstutzen Es muss eine gemeinsame Basis gefunden werden um den Patienten bestmoglich zu helfen Zur Unterstutzung der Therapie dienen neun Leitprinzipien Erwachsenengemasse Orientierung Erwachsene die an einer geistigen Behinderung leiden werden oftmals immer wieder als Kind behandelt Sie werden als ewige Kinder angesehen und bekommen so nicht den Respekt den sie verdienen Subjektzentrierung Bei der Therapie soll auf den Betroffenen geachtet werden Seine Wunsche mussen respektiert werden Die Behinderung darf nicht zum blossen Objekt der Therapie werden Ich Du Bezug Jede Therapie sollte als partnerschaftliche Beziehung und nicht als Zwang oder ahnliches angesehen werden Emanzipatorisches Prinzip Der Patient soll sich eigenstandig zu einem ich starken Menschen entwickeln Seine Wunsche und Interessen sollen mit in seine Entwicklung eingehen Genau wie jeder andere Mensch hat er seinen Platz in der Gesellschaft Assistenz und Kooperation Der Weg zur Selbstandigkeit ist das Ziel Nicht das Ziel an sich Ganzheitlich integratives Prinzip Der geistig behinderte Mensch muss als Einheit angesehen werden Jede Arbeit der Padagogik sollte multiperspektivisch angelegt sein Prinzip der Entwicklungsgemassheit Die Orientierung am Menschen steht im Vordergrund In einer fur den Patienten angenehmen Situation soll immer eine Stufe mehr erlernt werden Lebensnahe und handelndes Lernen Der Patient soll im naturlichen Lebensraum sowohl die alltaglichen Hausarbeiten als auch die Lebenswirklichkeit ausserhalb des Wohnmilieus erfahren Sein lassen und Vertrauen in die Ressourcen Nicht nur das Lernen und Verbessern der Fahig und Fertigkeiten sollte im Vordergrund stehen sondern auch das zweckfreie und selbstbestimmte Leben Dem Patienten muss die Moglichkeit gegeben werden sein eigens Leben zu entdecken Geistige Behinderung und SexualitatSind Menschen mit geistiger Behinderung im rechtlichen Sinne handlungsfahig und geschaftsfahig so durfen sie auch durch Heirat eine Ehe eingehen Eingriffe in die sexuelle Selbstbestimmung Volljahriger etwa durch das Personal von Heimen in Form der Verhinderung jeglicher sexueller Betatigung geistig behinderter Bewohner sind unzulassig 5 Verboten sind in Deutschland seit 1992 Zwangssterilisationen von Menschen mit geistiger Behinderung wie zum Beispiel zur Zeit des Nationalsozialismus aber auch noch in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland ublich Ohne ihre Zustimmung durfen Menschen nicht mehr sterilisiert werden Das gilt auch fur Minderjahrige Bei nicht einwilligungsfahigen Menschen darf ihr Betreuer nur unter den engen Voraussetzungen des 1905 BGB einwilligen Soll eine Sterilisation durchgefuhrt werden ist ein zusatzlicher Sterilisationsbetreuer zu bestellen Art 23 Absatz 1c des Ubereinkommens uber die Rechte von Menschen mit Behinderungen der UNO fordert von den Mitgliedsstaaten der UNO eine Garantie dass Menschen mit Behinderungen einschliesslich Kindern gleichberechtigt mit anderen ihre Fruchtbarkeit behalten 6 Anliegen fur die ZukunftDie Anliegen deren Realisierung ein Ziel von Menschen mit unterschiedlichen kognitiven Behinderungen und deren Familien und Freunden ist lassen sich zusammenfassen in den Leitgedanken Soziale Teilhabe statt Pflege Uberlegte Planung statt Barrierenerrichtung Achtung und Respekt statt Diskriminierung Integrierte Teilhabe statt vorgeburtlicher Selektion und gesellschaftlich institutioneller AusgrenzungDiskussionen uber den Begriff und das ihm zugrunde liegende KonzeptVeraltete Bezeichnungen Schwachsinn und bei angeborenen Formen Oligophrenie lateinisch Oligophrenia sind veraltete Fachbegriffe fur eine geistige Behinderung oder besser nach aktueller Nomenklatur Intelligenzminderung Die alten Begriffe Debilitat von lateinisch debilis ungelenk schwach Imbezillitat von lat imbecillus schwach gebrechlich und Idiotie von gr ἰdiwths idiotes der abgesondert fur sich Lebende auch Idiotismus bezeichneten unterschiedliche Grade des Schwachsinns Auf Vorarbeiten von Philippe Pinel aufbauend hatte Jean Etienne Esquirol Anfang des 19 Jahrhunderts die Idiotie von der Demenz unterschieden 7 Nach heutiger Nomenklatur entspricht die Debilitat einer leichten ICD 10F 70 die Imbezillitat einer mittelgradigen F 71 und schweren F 72 und die Idiotie einer schwersten Intelligenzminderung F 73 Die alten Begriffe sind vollstandig aus der Fachsprache verschwunden Die Begriffe Idiotie und Debilitat weniger Imbezilitat fanden als Schimpfworter Eingang in die Alltagssprache und waren daher zuletzt aufgrund dieser negativen Konnotation gar nicht mehr fachsprachlich verwendbar Der Begriff Schwachsinn ist auch inhaltlich ungeeignet weil er nur kleine Teilaspekte der geistigen Behinderung bezeichnet die man fruher falschlicherweise als wesentlich fur die Behinderung ansah Der Begriff Schwachsinn fand sich bis Dezember 2020 noch im Strafgesetzbuch StGB der Bundesrepublik Deutschland 20 StGB Schuldunfahigkeit wegen seelischer Storungen Mit dem 60 Gesetz zur Anderung des Strafgesetzbuchs vom 30 November 2020 wurde dieser durch den Begriff Intelligenzminderung ersetzt Im Betreuungsrecht das 1992 eingefuhrt wurde wird demgegenuber der Begriff der geistigen Behinderung in 1896 BGB verwendet Alternativen fur den Begriff geistig Behinderte Interpretations und Zuordnungsprobleme Auch der Sprachgebrauch im Umgang mit Menschen die diese Behinderung haben hat sich deutlich gewandelt So wurde in den 1960er Jahren noch von geistig Behinderten oder Schwachsinnigen gesprochen Da diese Formulierungen jedoch die Behinderung vor dem Menschen betonen und diesen damit stigmatisieren wurde spater vom Menschen mit geistiger Behinderung gesprochen Damit wird der Mensch in den Vordergrund gestellt und die geistige Behinderung ist eine von vielen Eigenschaften In der DDR wurde der Begriff teilweise durch psychische Behinderung ersetzt da man die Psyche in ihrer Eigenschaft als Korperfunktion unterstreichen wollte und nicht als geistige korperunabhangige Eigenschaft verstand Beide Begriffe sind noch gebrauchlich werden als konnotativ neutral verwendet bezeichnen jedoch leicht unterschiedliche Dinge denn die psychische Behinderung bezeichnet auch psychiatrische Krankheitsbilder die nicht oder unwesentlich mit einer Intelligenzminderung einhergehen die Person aber in ihrer Alltagstuchtigkeit beeintrachtigen So konnen ausgepragte depressive Syndrome durch Antriebsminderung Interessenverlust und Konzentrationsminderung die Lern und Leistungsfahigkeit so weit behindern dass man von einer depressiven Pseudodemenz spricht wobei eine geistige Behinderung nach heutigem Begriffsverstandnis aber keineswegs vorliegt Auch Sichtweisen die eine Behinderung als soziale und weniger als personale Kategorie ansehen haben die Sichtweise von geistiger Behinderung gewandelt So unterscheidet die Weltgesundheitsorganisation WHO 2001 zwischen der ursachlichen Schadigung der daraus resultierenden Beeintrachtigung der Aktivitat der Beeintrachtigung der Teilhabe in einem Lebensbereich oder einer Lebenssituation sowie den Umfeldfaktoren in der physikalischen sozialen und einstellungsbezogenen Umwelt Damit muss eine Schadigung oder eine Aktivitatsbeeintrachtigung nicht zwingend zu einer sozialen Beeintrachtigung und damit Behinderung fuhren In den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz von 1994 und 1998 wird vom Forderschwerpunkt geistige Entwicklung als Zielgebiet der Sonderpadagogen gesprochen Als Bezeichnung fur entsprechende Schuler wird weiterhin Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung verwendet es tauchen jedoch vereinzelt schon Bezeichnungen auf wie Kinder und Jugendliche mit dem Forderbedarf geistige Entwicklung oder Kinder und Jugendliche mit besonderem Forderbedarf im Bereich ganzheitliche Entwicklung Alternativbegriff Menschen mit einer kognitiven Behinderung Von einigen Autoren und zunehmend auch Vertretern verschiedener padagogischer Richtungen wie Sonderpadagogik Sozialpadagogik oder Heilpadagogik wird der Begriff kognitive Behinderung bevorzugt Der Begriff kognitive Behinderung cognitive disability wird von einer Anzahl von Vertretern aus Literatur und Lehre gegenuber der geistigen Behinderung bevorzugt da er den qualitativen Unterschied zwischen Geist und Gehirn oder zwischen geistigen Fahigkeiten und kognitiven Fahigkeiten herausstelle So zahlten zu den geistigen Fahigkeiten eines Menschen auch das Vermogen Gefuhle wie etwa Wut Trauer Freude Gluck oder auch Empathie zu empfinden beziehungsweise auszudrucken Dieses Fahigkeitsspektrum ist beispielsweise bei Menschen mit Down Syndrom Trisomie 21 denen bislang das Attribut einer geistigen Behinderung zugeschrieben wurde normalerweise gar nicht beeintrachtigt weshalb die gangige Bezeichnung ihren Kritikern als zu unscharf oder sogar als diskriminierend erscheint Zu den von einer Behinderung betroffenen kognitiven Fahigkeiten zahlten dagegen Aufmerksamkeit Wahrnehmungsfahigkeit Erkenntnisfahigkeit Schlussfolgerung Urteilsfahigkeit Erinnerungsvermogen und Merkfahigkeit Lernfahigkeit Abstraktionsvermogen und Rationalitat Gegner einer alternativen Sprachregelung fuhren an dass auch der neue Begriff Unscharfen berge so konzentriere er sich auf Fahigkeiten der Ratio decke aber im Gegensatz zur alten Nomenklatur Aspekte der emotionalen und sozialen Reife nicht ab die durchaus von einer geistigen Behinderung betroffen sein konnen Die diskriminierende Wirkung des alten Begriffs unterliege der Bedeutungsverschlechterung die auch jede Neuschopfung nach langerem Gebrauch erfassen wurde und ihrerseits eine Ersetzung erfordere Der Stand der Verbreitung des neuen Begriffs in Literatur und Lehre ist sehr unterschiedlich je nach Autor und Fakultat Wahrend er die meiste Verbreitung unter progressiven Vertretern der Sonder und Sozialpadagogik findet ist er etwa im Bereich der Medizin und der Psychiatrie kaum bekannt In der Terminologie der Neurologie wurde man unter einer kognitiven Behinderung im Wortsinn dagegen auch den isolierten Ausfall einer kognitiven Funktion etwa eine starke Storung der Merkfahigkeit verstehen wie sie etwa durch eine Schadigung des Gehirns hervorgerufen werden kann In den Alltagssprachgebrauch ausserhalb der Fachwelt hat der Begriff kognitive Behinderung noch keinen Einzug gehalten Alternativbegriff Menschen mit einer kognitiven Beeintrachtigung Ein Trend ist erkennbar das Wort Behinderung generell zu meiden und durch das Wort Beeintrachtigung zu ersetzen Demnach wurden sprachlich aus Menschen mit einer geistigen Behinderung Menschen mit einer kognitiven oder mentalen Beeintrachtigung So Sprechende und Schreibende verkennen allerdings dass das deutsche Sozialrecht eine scharfe Grenze zwischen Menschen mit und ohne Behinderung zieht Diese Grenze verteidigte Peter Masuch Prasident des Bundessozialgerichts auf dem Werkstattentag 2016 in Chemnitz Wahrend der Mensch ohne Behinderung sich wegen des Nachrangs der Sozialhilfe selber helfen kann und muss bedarf der Mensch mit Behinderung der Unterstutzung durch Mitmenschen und Gesellschaft 8 So sind beispielsweise Beschaftigte in einer Werkstatt fur behinderte Menschen zuverlassig vor Arbeitslosigkeit geschutzt nicht aber Menschen unterhalb des gesetzlichen Renteneintrittsalters denen bescheinigt wurde zumindest teilweise erwerbsfahig zu sein Hintergrund der Aussage Masuchs ist die Absicht den Personenkreis der sich rechtwirksam auf die UN Behindertenrechtskonvention berufen konnen soll in Grenzen zu halten Wer Menschen mit einer Behinderung als beeintrachtigt oder auch benachteiligt bezeichnet verunklart ob bzw inwieweit Vorschriften des Sozialgesetzbuchs auf die betreffenden Personen anwendbar sind da nicht jede sondern nur eine dauerhafte und gravierende Beeintrachtigung rechtlich als Behinderung gilt Beim Begriff Beeintrachtigung wird Kategorie Dauerhaftigkeit verunklart dass z B Menschen mit einer wahrscheinlich mittelfristig ausheilenden Fraktur anders als Menschen mit einer Behinderung nur vorubergehend auf Barrierefreiheit angewiesen sind wahrend z B Personen die einen Kinderwagen schieben nicht gravierend durch Drehturen beeintrachtigt sind Alternativbegriff Praktisch Bildbare Im Land Hessen wurde 1962 offiziell eine neue Schulform eingerichtet die Schule fur Praktisch Bildbare Sonderschule 9 Durch diese neue Schulform wurde nicht nur anerkannt dass auch Menschen die aller Voraussicht nach nie lesen schreiben und rechnen konnen werden ein Recht auf Bildung besitzen wenn sich diese auch weitgehend auf praktische Fertigkeiten beschrankt die die betreffenden Menschen erlernen konnen Zugleich wird durch die Begriffswahl sprachlich das Wortfeld Behinderung gemieden Der Begriff praktisch Bildbare ist bis heute im amtlichen Sprachgebrauch in Hessen ublich Alternativbegriff Menschen mit Lernschwierigkeiten Die Self Advocacy Bewegung Selbstvertretung behinderter Menschen in Deutschland am starksten vertreten durch den Verein People First e V lehnt den Ausdruck geistige Behinderung ebenfalls aufgrund der ihm zugeschriebenen Diskriminierung ab und setzt sich fur seine Abschaffung ein Sie fordert den Begriff Menschen mit Lernschwierigkeiten zu verwenden und damit den Unterschied zu Menschen mit Lernbehinderungen aufzuheben weil es so etwas wie geistige Behinderung gar nicht gebe 10 Der Unterschied zwischen Sachverhalten die ublicherweise als geistige Behinderung bezeichnet werden und ublicherweise als Lernbehinderung bezeichneten Sachverhalten wird dabei bewusst verwischt Andere Selbsthilfegruppen haben den Impuls von Mensch zuerst wohlwollend aufgegriffen G eistig Behinderte werden oft nicht ernst genommen Man redet mit ihnen dann wie mit Kindern Oder man redet gar nicht mit ihnen selbst Oft werden nur ihre Begleiter angesprochen Die Leute von der Selbsthilfeorganisation Mensch zuerst People First sagen Die Bezeichnung Menschen mit Lernschwierigkeiten ist besser Das finden wir auch Verein berlin inklusion e V 11 Der Begriff Menschen mit Lernschwierigkeiten hat auch Eingang in wissenschaftliche Studien gefunden Einige Ortsverbande der Lebenshilfe fur Menschen mit geistiger Behinderung haben aufgrund ihrer Offnung fur andere Behindertenrichtungen den Begriff geistige aus ihrem Namen gestrichen wahrend andere bei der alten Bezeichnung geblieben sind In einer von der Bundesvereinigung Lebenshilfe herausgebrachten Informationsbroschure 12 wird bereits eingeraumt dass geistige Behinderung vielleicht kein Wort fur die Zukunft sei und man es nur so lange weiter verwende bis ein besserer Begriff gefunden wird Die Lebenshilfe Osterreich hat sich bereits dazu entschlossen sich auf Bundesebene nunmehr Lebenshilfe fur Menschen mit Behinderung zu nennen und auf das geistiger vollstandig zu verzichten Momentan wird uber Alternativen nachgedacht es soll eine neue Definition und eine Klassifikation gefunden werden die auf der Beschreibung von kognitiven Fahigkeiten basiert 13 Auch andere Selbsthilfeorganisation halten den Kompromiss fur akzeptabel den Begriff Behinderung ohne Attribut beizubehalten zumal er ein Schlusselbegriff des deutschen Sozialrechts sei ohne dessen Benutzung man keine brauchbaren Aussagen uber die Rechtslage machen konne 14 Ein Problem bei dem volligen Verzicht auf das Wortfeld Behinderung im Zusammenhang mit dem Begriff Menschen mit Lernschwierigkeiten besteht darin dass einer Studie zufolge 20 bis 25 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland von Lernschwierigkeiten betroffen sein sollen 15 Die meisten dieser jungen Menschen gelten nicht als behindert Eigentlich werden von Psychologen eher temporare partielle und leichtere Formen der Lernerschwernis als Lernschwierigkeiten bezeichnet 16 Wenn die Formulierung Mensch mit Lernschwierigkeiten im Sinne von Mensch zuerst zum gangigen Sprachgebrauch wird versteht z B nur derjenige der weiss dass Ausbildungsgange zum Fachpraktiker in der Regel nicht fur Menschen mit geistigen Behinderungen geeignet sind auf Anhieb dass mit der Aussage Die Ausbildung zum zur Fachpraktiker in Service in sozialen Einrichtungen dauert zwei Jahre und richtet sich an Haupt und Forderschuler innen ab 16 Jahren mit Lernschwierigkeiten 17 geistig behinderte Schulabsolventen nicht mitgemeint sind An anderer Stelle im zitierten Text ist allerdings davon die Rede dass der Ausbildungsgang jungen lernbehinderten sic Menschen eine echte Chance auf dem 1 Arbeitsmarkt ermoglichen solle Alternativbegriffe anders Begabte und Menschen mit besonderen Fahigkeiten Zunehmend werden Menschen mit einer geistigen Behinderung von institutioneller Seite als anders Begabte oder als Menschen mit besonderen Fahigkeiten bezeichnet Diese Bezeichnung ist durchaus ernsthaft gemeint Anerkannt ist das kunstlerische Schaffen geistig behinderter Menschen dessen Ergebnisse dem Sammelbegriff Art brut zugeordnet werden Es gibt eine Reihe von Ansatzen das kreative und kunstlerische Potenzial geistig Behinderter gesellschaftlich bewusst zu machen und zu fordern So ist das Projekt Spinnst du in dem geistig Behinderte kunstlerisch aktiv werden mit dem Forderungspreis fur Kunst und Kulturprojekte zur Integration von Menschen mit Behinderung 2006 der Republik Osterreich und mit einem Preis der Unruhe Privatstiftung der SozialMarie 2008 ausgezeichnet worden 18 Diese Begriffe haben sich im Alltagsgebrauch der Mehrheitsbevolkerung allerdings noch nicht durchgesetzt Allerdings besteht die Gefahr einer Euphemismus Tretmuhle und dass der Begriff Menschen mit besonderen Fahigkeiten auf herkommliche Weise interpretiert wird Mit diesem Begriff werden traditionell eher Hochbegabte und Menschen mit ausgepragten Spezialtalenten bezeichnet Landerspezifische SituationWahrend ein hoher medizinischer und padagogischer Standard und ein verbessertes Wissen um Entwicklungsmoglichkeiten es Menschen mit geistiger Behinderung mittlerweile in vielen Landern ermoglicht ein gutes und langes Leben zu fuhren sieht es in manchen Regionen dahingehend noch sehr schlecht aus In Russland beispielsweise wird auch heute noch Eltern eines behinderten Kindes geraten es in ein Heim zu geben Durch unzureichende personelle und materielle Ausstattung Mangelernahrung und wenig Bewegungsfreiheit und so gut wie keine padagogische Zuwendung Forderung und Therapie werden viele Entwicklungsschritte nicht erreicht Laufen und Sprechen Oftmals versterben die Kinder bereits vor dem Erreichen der Pubertat da sie medizinisch kaum oder ungenugend behandelt werden Eine Schulbildung ist wenn uberhaupt nur fur leicht beeintrachtigte Kinder und Jugendliche vorgesehen und Arbeitsmoglichkeiten fur erwachsene Menschen mit Behinderung sind nur sporadisch vorhanden 19 Kinder und JugendliteraturRachna Gilmore Eine Freundin wie Zilla Klopp Munchen 1997 ISBN 3 7817 0660 5 Karin Jaeckel Mitleid Nein danke 1990 fur Jugendalter Elizabeth Laird Ben lacht 1999 ab 14 Jahre Grete Randsborg Jenseg Lieber Niemand 1997 ab 14 Jahre Inge Obermayer Georgie Ueberreuter Wien 1989 ISBN 3 8000 2305 9 Renate Welsh Drachenflugel dtv Munchen 1992 Sarah Weeks So B It Hanser Munchen 2005 ISBN 3 446 20643 4 LiteraturAlbert Lingg Georg Theunissen Psychische Storung bei geistig Behinderten Freiburg im Breisgau 1993 Georg Feuser Geistigbehinderte gibt es nicht Projektionen und Artefakte in der Geistigbehindertenpadagogik In Geistige Behinderung 1 1996 S 18 25 A Dosen Psychische Storungen bei geistig behinderten Menschen Gustav Fischer Verlag 1997 Otto Speck System Heilpadagogik Eine okologisch reflexive Grundlegung Munchen Basel 1998 Erhard Fischer Hrsg Padagogik fur Menschen mit geistiger Behinderung Sichtweisen Theorien aktuelle Herausforderungen Oberhausen 2003 Ernst Wullenweber Georg Theunissen Heinz Muhl Hrsg Padagogik bei geistigen Behinderungen Ein Handbuch fur Studium und Praxis Stuttgart 2006 Angela Moll Sexualitat geistig Behinderter behinderte Sexualitat Schwabisch Hall 2010 Erik Bosch Sexualitat und Beziehungen bei Menschen mit einer geistigen Behinderung Ein Hand und Arbeitsbuch 3 Auflage dgvt Tubingen 2013 ISBN 978 3 87159 031 3 WeblinksVerzogerungen in der Entwicklung und Behinderung kindergesundheit info de unabhangiges Informationsangebot der Bundeszentrale fur gesundheitliche Aufklarung BZgA Uberblick uber die geschichtliche Entwicklung der Padagogik bei geistiger Behinderung in Deutschland Memento vom 31 Mai 2016 im Internet Archive Webprasenz der Lebenshilfe fur Menschen mit geistiger Behinderung e V bidok Digitale Volltextbibliothek zu Behinderten und Integrationspadagogik Prof Dr Georg Feuser Verschiedene Texte zum Download Arbeit zur Diagnose erstellung Geistige Behinderung Sexualitat und geistige Behinderung behinderte Sexualitat Europaisches Manifest Minimale Bedingungen fur die Gesundheitsfursorge von Menschen mit geistiger Behinderung Einzelnachweise Corona Geistige Behinderung bedeutet kein erhohtes Risiko aerzteblatt de 18 Juni 2020 abgerufen am 25 August 2020 Douglas Almond Bhashkar Mazumder Health Capital and the Prenatal Environment The Effect of Material Fasting During Pregnancy Working Paper 14428 National Bureau of Economic Research 2009 Archives of Infernal Medicine 2010 170 S 1135 zitiert nach Arztezeitung 14 Juli 2010 S 4 Bundesvereinigung Lebenshilfe Schulische Integration ist das Stiefkind deutscher Bildungspolitik Memento vom 21 Oktober 2007 imInternet Archive 10 Juli 2007 Julia Zinsmeister Sexualassistenz Angebote im Kontext rechtlicher Grundlagen Antworten auf die Fragen von pro familia In pro familia Sexuelle Assistenz fur Frauen und Manner mit Behinderungen 2005 S 11 16 Institut fur Menschenrechte Ubereinkommen uber die Rechte von Menschen mit Behinderungen vom 13 Dezember 2006 Klaus Dorner Burger und Irre Zur Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie der Psychiatrie 2 Auflage Frankfurt am Main 1984 S 163 Peter Masuch Was hat die UN BRK fur eine bessere Teilhabe am Arbeitsleben gebracht Auf dem Werkstattentag in Chemnitz am 21 September 2016 gehaltene Rede S 7 f Richtlinien fur den Unterricht in der Schule fur Praktisch Bildbare Sonderschule vom 21 November 1983 Gudrun Erlinger Selbstbestimmung und Selbstvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten 2004 http bidok uibk ac at library erlinger selbstbestimmung html id3010089 1 Gemeinsam kommen wir weiter Lebenshilfe auf dem Weg in die Zukunft Dezember 2005 Lebenshilfe Zeitung 12 2005 S 10 berliner STARThilfe e V Menschen mit Behinderungen ein Definitionsversuch Memento vom 28 September 2015 im Internet Archive Andreas Gold Lernschwierigkeiten Ursachen Diagnostik und Intervention 13 Juni 2014 S 7 David Furst Magdalena Muller Debora Furst Schule amp Behinderung Lernbehinderung Memento vom 4 Marz 2016 im Internet Archive Institut fur Psychologie der Rheinisch Westfalischen Hochschule Aachen 10 November 2006 Malteser Krankenhaus Seliger Gerhard Bonn Rhein Sieg Echte Chance auf dem 1 Arbeitsmarkt Neue Ausbildung fur junge Menschen mit Lernschwierigkeiten auch in Bonn cm wvnet at iwanuschka deDieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt nicht eine Diagnose durch einen Arzt Bitte hierzu den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten Bitte den Hinweis zu Rechtsthemen beachten Normdaten Sachbegriff GND 4019852 2 OGND AKS Abgerufen von https de wikipedia org w index php title Geistige Behinderung amp oldid 212125758, wikipedia, wiki, deutsches

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