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Aktionsjuden

Als Aktionsjuden werden die etwa 30.000 nach der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 innerhalb der Region oder des Landes verschleppten Juden in Deutschland und Österreich bezeichnet. Sie wurden von den NSDAP-Organisationen und durch Polizei in den Tagen nach dem Pogrom meist ohne Begründung in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verbracht. Damit wurde Druck auf die Verschleppten und ihre Angehörigen ausgeübt, um die Auswanderung aus der Heimat zu beschleunigen und jüdische Vermögenswerte „arisieren“ zu können. Der weit überwiegende Teil der Inhaftierten wurde bis zum Jahresanfang 1939 entlassen. Rund 500 Juden überlebten den Aufenthalt in den Konzentrationslagern nicht, sie starben durch Suizid oder aufgrund unzureichender Versorgung oder durch die Folgen von Misshandlungen.

Die Bezeichnung durch die Täter als Aktionsjuden war nach Zeitzeugen zumindest im KZ Buchenwald gängig. Vermutlich wurde der Name von Aktion Rath abgeleitet, wie der Pogrom manchmal benannt wurde.

Inhaltsverzeichnis

Joseph Goebbels schrieb in seinem Tagebuch, Adolf Hitler selbst habe die Verhaftung von 25.000 bis 30.000 Juden angeordnet. Noch am späten Abend des 9. November 1938 kündigte Heinrich Müller den Stapo-Stellen die geplanten „Aktionen gegen die Juden“ an. Es sei die Festnahme von 20.000 bis 30.000 vor allem vermögender Juden vorzubereiten. In den frühen Morgenstunden des 10. November leitete Reinhard Heydrich einen Befehl Heinrich Himmlers an alle Staatspolizeileitstellen und SD-Oberabschnitte weiter. Alsbald seien in allen Bezirken so viele gesunde männliche Juden – „insbesondere wohlhabende“ und „nicht zu hohen Alters“ – festzunehmen, wie in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden könnten. Misshandlungen wurden untersagt.

Die Verhaftungsaktion lief sofort am 10. November an und wurde am 16. November durch eine Anordnung Heydrichs eingestellt. Neben Gestapo und Ortspolizei wurden SA, SS und sogar das Nationalsozialistische Kraftfahrkorps tätig.

Heydrichs genaue Vorgaben wurden kaum berücksichtigt. Am 11. November erging ein ausdrücklicher Befehl, bei der Aktion verhaftete Frauen und Kinder sofort freizulassen. Am 16. November wurde die Entlassung von Kranken und über Sechzigjährigen angeordnet.

Meist wurden die männlichen Juden in ihren Wohnungen festgenommen, aber auch am Arbeitsplatz, in Hotels, Schulen und auf Bahnhöfen kam es zu Festnahmen. Während der Einsatz von Polizeibeamten in Großstädten meist formal korrekt und ohne zusätzliche Demütigungen oder Misshandlungen verlief, waren anderorts Beschimpfungen, Tritte und Schläge gang und gäbe. Festgenommene wurden teils zum Singen nationalsozialistischer Lieder und erschöpfenden Leibesübungen genötigt und in „Schandzügen“ durch die Stadt geführt. Meist wurden die „in Schutzhaft“ genommenen Juden die ersten zwei bis drei Tage in Polizeistellen, Gefängnissen, Turnhallen oder Schulen gefangen gehalten und von dort in Konzentrationslager überführt.

Der Historiker Wolfgang Benz stellt dar, dass bis zu 10.000 Juden in Gefängnissen oder lokalen Sammelpunkten blieben, da die Unterkunftsmöglichkeiten in Konzentrationslagern nicht ausreichten. Verlässliche Zahlen dazu sowie umfassende Angaben zu deren Haftentlassung oder Haftdauer sind nicht greifbar und ein Forschungsdefizit.

Die meisten Inhaftierten kamen in den ersten zwei bis drei Tagen nach der Pogromnacht in den drei Konzentrationslagern Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald an. Weitere Transporte aus Wien trafen bis zum 22. November ein. Die „Aktionsjuden“ aus Berlin wurden mit Lastwagen bis zum Lagertor von Sachsenhausen gefahren. Andere wurden mit Bussen, mit der Eisenbahn oder der Vorortbahn und anschließendem Fußmarsch überführt. Für Dachau ist die Einlieferung von 10.911 Juden belegt, für Buchenwald waren es 9.845 und für Sachsenhausen schätzt man die Zahl auf 6.000. Damit hatte sich die Gesamtzahl aller in Konzentrationslagern Inhaftierten mit einem Schlag verdoppelt.

Vielfach waren die Inhaftierten während des Transports der Brutalität der Begleitkommandos ausgesetzt. Einigen Berichten nach wiesen „nahezu alle Gefangene“ bei ihrem Eintreffen in Dachau wie in Buchenwald Spuren von zum Teil schweren Verletzungen auf, die sie bei oder nach ihrer Festnahme erlitten hatten. Andere bezeugten, begleitende Polizeibeamte hätten sich korrekt verhalten oder sogar Mitleid gezeigt.

Eine demütigende Aufnahmeprozedur mit stundenlangem Appell-Stehen, Entkleiden, Haarescheren und dem Anlegen der Häftlingskleidung wirkte auf die Opfer schockierend und wird in Zeitzeugenberichten breit geschildert. Bürgerliche Werte und Ehrentitel galten plötzlich nicht mehr. Hierdurch wurden Gefühle der Entwürdigung, der Rechtlosigkeit und des Ausgeliefertsein erzeugt.

Völlig unzureichend war die Unterbringung in Buchenwald, wo fünf fensterlose Baracken mit je 2000 „Aktionsjuden“ belegt wurden und sanitäre Anlagen anfangs fehlten. Der Tagesablauf wurde durch drei Appelle gegliedert, die oft stundenlang dauerten und bei Regen und Kälte zur Qual wurden. Manchmal mussten die Inhaftierten exerzieren sowie sinnlose und körperlich anstrengende Arbeiten ausführen. In Dachau stieg die Zahl der registrierten Todesfälle überproportional an.

Die Dauer der Gefangenschaft war sehr unterschiedlich. Ab Ende November 1938 wurden täglich 150 bis 250 „Aktionsjuden“ entlassen. Am 1. Januar 1939 waren in Buchenwald noch 1.605 und in Sachsenhausen 958 Juden inhaftiert.

Den Berichten der „Aktionsjuden“ ist zu entnehmen, dass sie kein System und keine Kriterien für die Entlassungen erkennen konnten. Am 28. November 1938 wurde die Freilassung von Jugendlichen unter sechzehn Jahren angeordnet und überdies die von „Frontkämpfern“. Ab dem 12. Dezember sollten die über 50-jährigen Insassen und ab dem 21. Dezember bevorzugt jüdische Lehrer entlassen werden. Andere erlangten ihre Freiheit, weil ihre Ausreisepläne schon weit gediehen waren oder gar ihre Visa zu verfallen drohten. Wieder andere kamen nach der Überschreibung ihrer Villa umgehend frei. Jüdische Autobesitzer, denen ab 3. Dezember 1938 pauschal die Fahrerlaubnis entzogen war, wurden bedrängt, ihren Wagen zum Spottpreis zu verkaufen. Wer sich solchem Ansinnen verweigerte, konnte dennoch unverhofft zur Entlassung aufgerufen werden.

Die Zahl der „Aktionsjuden“, die im Konzentrationslager verstarben, betrug in Dachau mindestens 185, in Buchenwald 233 und in Sachsenhausen 80 bis 90. Als Ursache für die Todesfälle werden in Berichten vor allem körperliche Überanstrengung, septische Erkrankungen, Lungenentzündung, Mangel an verordneten Medikamenten sowie Diät genannt. Viele Männer litten unter den Folgen der Haftbedingungen und wurden noch nach der Entlassung krank. Im Jüdischen Krankenhaus Berlin mussten rund 600 Notamputationen durchgeführt werden, die wegen unbehandelter Wunden und Erfrierungen notwendig waren.

Angehörige nahmen psychische Veränderungen an ihren heimgekehrten Männern wahr. Sprachlosigkeit, Schlafstörungen, Angst und Scham waren häufig die Reaktion auf den jähen Verlust der bürgerlichen Reputation, die erlebten rohen Übergriffe und die Erfahrung absoluter Ohnmacht und Rechtlosigkeit.

Die halbwegs geregelte Emigration wurde zur panischen Flucht. Familien sahen sich zur Trennung gezwungen, um einzeln in ein fremdes Land zu fliehen oder zumindest die Kinder aus Deutschland fortzuschaffen. Mindestens 18.000 wurden mit Kindertransporten nach Großbritannien, nach Belgien, nach Schweden, in die Niederlande oder in die Schweiz gebracht.

  • Barbara Distel: „Die letzte ernste Warnung vor der Vernichtung“. Zur Verschleppung der „Aktionsjuden“ in die Konzentrationslager nach dem 9. November 1938. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. 46, 11, 1998,ISSN , S. 985–990.
  • Wolfgang Benz: Mitglieder der Häftlingsgesellschaft auf Zeit. „Die Aktionsjuden“ 1938/39. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Red.): Häftlingsgesellschaft. Verlag Dachauer Hefte, Dachau 2005, ISBN 3-9808587-6-6, S. 179–196 (Dachauer Hefte. 21).
  • Heiko Pollmeier: Inhaftierung und Lagererfahrung deutscher Juden im November 1938. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung. 8(1999), ISBN 3-593-36200-7, S. 105–130.
  • Nie mehr zurück in dieses Land. Augenzeugen berichten über die Novemberpogrome 1938. Uta Gerhardt/Thomas Karlauf Propyläen, Berlin 2009, ISBN 978-3-549-07361-2.

Quellen

  • Die „Aktionsjuden“ im Konzentrationslager Buchenwald. Augenzeugenbericht von Siegfried Katzmann. In: Anschläge – Magazin für Kunst und Kultur. Heft 1, November 1985,ISSN
  • Paul Martin Neurath über Krankheit und Tod im Konzentrationslager 1938. Dokument VEJ. 2/229 In: Susanne Heim (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 2: Deutsches Reich 1938 – August 1939. München 2009, ISBN 978-3-486-58523-0, S. 634–638.
  • Siegfried Neumann berichtet über seine Haft in Sachsenhausen Ende 1938. Dokument VEJ. 2/227 In: Susanne Heim (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 2: Deutsches Reich 1938 – August 1939. München 2009, ISBN 978-3-486-58523-0, S. 621–632.
  • (PDF; 70 kB)
  1. Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors – Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 1: Die Organisation des Terrors, München 2005, ISBN 978-3-406-52961-0, S. 156 und S. 161.
  2. Kim Wünschmann: Before Auschwitz – Jewish prisoners in the prewar concentration camps, Harvard University Press, 2015, ISBN 978-0674967595, S. 168.
  3. Wolfgang Benz: Mitglieder der Häftlingsgesellschaft …, S. 179.
  4. Wolfgang Benz: Mitglieder der Häftlingsgesellschaft auf Zeit. „Die Aktionsjuden“ 1938/39. In: Dachauer Hefte. 21(2005), ISBN 3-9808587-6-6, S. 187.
  5. Stefanie Schüler-Springorum: Masseneinweisungen in Konzentrationslager. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 1: Die Organisation des Terrors. C.H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52961-5, S. 161 mit Anm. 2 auf S. 164.
  6. Tagebuchaufzeichnung über den Abend des 9. November 1938 – Dokument VEJ 2/363 in: Susanne Heim (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 (Quellensammlung) Band 2: Deutsches Reich 1938 – August 1939, München 2009, ISBN 978-3-486-58523-0, S. 365
  7. Dokument PS-374 in: IMT: Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher …, fotomech. Nachdruck München 1989, Bd. 25, ISBN 3-7735-2521-4, S. 376f / auch VEJ 2/125
  8. Dokument PS-3051 in: IMT: Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher …, fotomech. Nachdruck München 1989, Bd. 31, ISBN 3-7735-2524-9, S. 517 / auch VEJ 2/126.
  9. Heiko Pollmeier: Inhaftierung und Lagererfahrung deutscher Juden im November 1938. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 8(1999), ISBN 3-593-36200-7, S. 108.
  10. Wolfgang Benz: Mitglieder der Häftlingsgesellschaft …, S. 191.
  11. Wolfgang Benz: Mitglieder der Häftlingsgesellschaft …, S. 180.
  12. Heiko Pollmeier: Inhaftierung und Lagererfahrung..., S. 111.
  13. Barbara Distel: „Die letzte ernste Warnung vor der Vernichtung“ …, S. 986.
  14. Heiko Pollmeier: Inhaftierung und Lagererfahrung …, S. 110.
  15. 17 Todesfälle von August-Oktober, 187 von November bis Januar bei Verdoppelung der Häftlingszahl. Vergl. Barbara Distel: „Die letzte ernste Warnung vor der Vernichtung“ …, S. 987f.
  16. Heiko Pollmeier: Inhaftierung und Lagererfahrung …, S. 116.
  17. Wolfgang Benz: Mitglieder der Häftlingsgesellschaft …, S. 191.
  18. Barbara Distel: „Die letzte ernste Warnung vor der Vernichtung“ …, S. 989.
  19. Susanne Heim (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 (Quellensammlung) Band 2: Deutsches Reich 1938 – August 1939. München 2009, ISBN 978-3-486-58523-0, S. 56.
  20. Heiko Pollmeier: Inhaftierung und Lagererfahrung …, S. 117.
  21. Susanne Heim (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 (Quellensammlung) Band 2: Deutsches Reich 1938 – August 1939. München 2009, ISBN 978-3-486-58523-0, S. 45.

Aktionsjuden
aktionsjuden, eine, gruppe, juden, nazi, deutschland, sprache, beobachten, bearbeiten, werden, etwa, nach, pogromnacht, november, 1938, innerhalb, region, oder, landes, verschleppten, juden, deutschland, österreich, bezeichnet, wurden, nsdap, organisationen, d. Aktionsjuden eine Gruppe von Juden in Nazi Deutschland Sprache Beobachten Bearbeiten Als Aktionsjuden werden die etwa 30 000 nach der Pogromnacht vom 9 10 November 1938 innerhalb der Region oder des Landes verschleppten Juden in Deutschland und Osterreich bezeichnet 1 2 Sie wurden von den NSDAP Organisationen und durch Polizei in den Tagen nach dem Pogrom meist ohne Begrundung in die Konzentrationslager Buchenwald Dachau und Sachsenhausen verbracht Damit wurde Druck auf die Verschleppten und ihre Angehorigen ausgeubt um die Auswanderung aus der Heimat zu beschleunigen und judische Vermogenswerte arisieren zu konnen 3 Der weit uberwiegende Teil der Inhaftierten wurde bis zum Jahresanfang 1939 entlassen Rund 500 Juden uberlebten den Aufenthalt in den Konzentrationslagern nicht sie starben durch Suizid oder aufgrund unzureichender Versorgung oder durch die Folgen von Misshandlungen Die Bezeichnung durch die Tater als Aktionsjuden war nach Zeitzeugen zumindest im KZ Buchenwald gangig 4 Vermutlich wurde der Name von Aktion Rath abgeleitet wie der Pogrom manchmal benannt wurde 5 Inhaltsverzeichnis 1 Befehle 2 Verhaftungsaktion 3 Uberfuhrung in Konzentrationslager 4 Lageraufenthalt 5 Haftentlassung 6 Folgen 7 Literatur 7 1 Quellen 8 Weblinks 9 EinzelnachweiseBefehle BearbeitenJoseph Goebbels schrieb in seinem Tagebuch Adolf Hitler selbst habe die Verhaftung von 25 000 bis 30 000 Juden angeordnet 6 Noch am spaten Abend des 9 November 1938 kundigte Heinrich Muller den Stapo Stellen die geplanten Aktionen gegen die Juden an Es sei die Festnahme von 20 000 bis 30 000 vor allem vermogender Juden vorzubereiten 7 In den fruhen Morgenstunden des 10 November leitete Reinhard Heydrich einen Befehl Heinrich Himmlers an alle Staatspolizeileitstellen und SD Oberabschnitte weiter Alsbald seien in allen Bezirken so viele gesunde mannliche Juden insbesondere wohlhabende und nicht zu hohen Alters festzunehmen wie in den vorhandenen Haftraumen untergebracht werden konnten Misshandlungen wurden untersagt 8 Verhaftungsaktion BearbeitenDie Verhaftungsaktion lief sofort am 10 November an und wurde am 16 November durch eine Anordnung Heydrichs eingestellt Neben Gestapo und Ortspolizei wurden SA SS und sogar das Nationalsozialistische Kraftfahrkorps tatig Heydrichs genaue Vorgaben wurden kaum berucksichtigt 9 Am 11 November erging ein ausdrucklicher Befehl bei der Aktion verhaftete Frauen und Kinder sofort freizulassen Am 16 November wurde die Entlassung von Kranken und uber Sechzigjahrigen angeordnet 10 Meist wurden die mannlichen Juden in ihren Wohnungen festgenommen aber auch am Arbeitsplatz in Hotels Schulen und auf Bahnhofen kam es zu Festnahmen Wahrend der Einsatz von Polizeibeamten in Grossstadten meist formal korrekt und ohne zusatzliche Demutigungen oder Misshandlungen verlief waren anderorts Beschimpfungen Tritte und Schlage gang und gabe Festgenommene wurden teils zum Singen nationalsozialistischer Lieder und erschopfenden Leibesubungen genotigt und in Schandzugen durch die Stadt gefuhrt Meist wurden die in Schutzhaft genommenen Juden die ersten zwei bis drei Tage in Polizeistellen Gefangnissen Turnhallen oder Schulen gefangen gehalten und von dort in Konzentrationslager uberfuhrt Der Historiker Wolfgang Benz stellt dar dass bis zu 10 000 Juden in Gefangnissen oder lokalen Sammelpunkten blieben da die Unterkunftsmoglichkeiten in Konzentrationslagern nicht ausreichten 11 Verlassliche Zahlen dazu sowie umfassende Angaben zu deren Haftentlassung oder Haftdauer sind nicht greifbar und ein Forschungsdefizit Uberfuhrung in Konzentrationslager BearbeitenDie meisten Inhaftierten kamen in den ersten zwei bis drei Tagen nach der Pogromnacht in den drei Konzentrationslagern Dachau Sachsenhausen und Buchenwald an Weitere Transporte aus Wien trafen bis zum 22 November ein Die Aktionsjuden aus Berlin wurden mit Lastwagen bis zum Lagertor von Sachsenhausen gefahren Andere wurden mit Bussen mit der Eisenbahn oder der Vorortbahn und anschliessendem Fussmarsch uberfuhrt Fur Dachau ist die Einlieferung von 10 911 Juden belegt fur Buchenwald waren es 9 845 und fur Sachsenhausen schatzt man die Zahl auf 6 000 12 Damit hatte sich die Gesamtzahl aller in Konzentrationslagern Inhaftierten mit einem Schlag verdoppelt Vielfach waren die Inhaftierten wahrend des Transports der Brutalitat der Begleitkommandos ausgesetzt Einigen Berichten nach wiesen nahezu alle Gefangene bei ihrem Eintreffen in Dachau wie in Buchenwald Spuren von zum Teil schweren Verletzungen auf die sie bei oder nach ihrer Festnahme erlitten hatten 13 Andere bezeugten begleitende Polizeibeamte hatten sich korrekt verhalten oder sogar Mitleid gezeigt 14 Lageraufenthalt BearbeitenEine demutigende Aufnahmeprozedur mit stundenlangem Appell Stehen Entkleiden Haarescheren und dem Anlegen der Haftlingskleidung wirkte auf die Opfer schockierend und wird in Zeitzeugenberichten breit geschildert Burgerliche Werte und Ehrentitel galten plotzlich nicht mehr Hierdurch wurden Gefuhle der Entwurdigung der Rechtlosigkeit und des Ausgeliefertsein erzeugt Vollig unzureichend war die Unterbringung in Buchenwald wo funf fensterlose Baracken mit je 2000 Aktionsjuden belegt wurden und sanitare Anlagen anfangs fehlten Der Tagesablauf wurde durch drei Appelle gegliedert die oft stundenlang dauerten und bei Regen und Kalte zur Qual wurden Manchmal mussten die Inhaftierten exerzieren sowie sinnlose und korperlich anstrengende Arbeiten ausfuhren In Dachau stieg die Zahl der registrierten Todesfalle uberproportional an 15 Haftentlassung BearbeitenDie Dauer der Gefangenschaft war sehr unterschiedlich Ab Ende November 1938 wurden taglich 150 bis 250 Aktionsjuden entlassen 16 Am 1 Januar 1939 waren in Buchenwald noch 1 605 und in Sachsenhausen 958 Juden inhaftiert Den Berichten der Aktionsjuden ist zu entnehmen dass sie kein System und keine Kriterien fur die Entlassungen erkennen konnten Am 28 November 1938 wurde die Freilassung von Jugendlichen unter sechzehn Jahren angeordnet und uberdies die von Frontkampfern Ab dem 12 Dezember sollten die uber 50 jahrigen Insassen und ab dem 21 Dezember bevorzugt judische Lehrer entlassen werden 17 Andere erlangten ihre Freiheit weil ihre Ausreiseplane schon weit gediehen waren oder gar ihre Visa zu verfallen drohten Wieder andere kamen nach der Uberschreibung ihrer Villa umgehend frei Judische Autobesitzer denen ab 3 Dezember 1938 pauschal die Fahrerlaubnis entzogen war wurden bedrangt ihren Wagen zum Spottpreis zu verkaufen Wer sich solchem Ansinnen verweigerte konnte dennoch unverhofft zur Entlassung aufgerufen werden 18 Folgen BearbeitenDie Zahl der Aktionsjuden die im Konzentrationslager verstarben betrug in Dachau mindestens 185 in Buchenwald 233 und in Sachsenhausen 80 bis 90 Als Ursache fur die Todesfalle werden in Berichten vor allem korperliche Uberanstrengung septische Erkrankungen Lungenentzundung Mangel an verordneten Medikamenten sowie Diat genannt 19 Viele Manner litten unter den Folgen der Haftbedingungen und wurden noch nach der Entlassung krank Im Judischen Krankenhaus Berlin mussten rund 600 Notamputationen durchgefuhrt werden die wegen unbehandelter Wunden und Erfrierungen notwendig waren 20 Angehorige nahmen psychische Veranderungen an ihren heimgekehrten Mannern wahr Sprachlosigkeit Schlafstorungen Angst und Scham waren haufig die Reaktion auf den jahen Verlust der burgerlichen Reputation die erlebten rohen Ubergriffe und die Erfahrung absoluter Ohnmacht und Rechtlosigkeit Die halbwegs geregelte Emigration wurde zur panischen Flucht Familien sahen sich zur Trennung gezwungen um einzeln in ein fremdes Land zu fliehen oder zumindest die Kinder aus Deutschland fortzuschaffen Mindestens 18 000 wurden mit Kindertransporten nach Grossbritannien nach Belgien nach Schweden in die Niederlande oder in die Schweiz gebracht 21 Literatur BearbeitenBarbara Distel Die letzte ernste Warnung vor der Vernichtung Zur Verschleppung der Aktionsjuden in die Konzentrationslager nach dem 9 November 1938 In Zeitschrift fur Geschichtswissenschaft 46 11 1998 ISSN 0044 2828 S 985 990 Wolfgang Benz Mitglieder der Haftlingsgesellschaft auf Zeit Die Aktionsjuden 1938 39 In Wolfgang Benz Barbara Distel Red Haftlingsgesellschaft Verlag Dachauer Hefte Dachau 2005 ISBN 3 9808587 6 6 S 179 196 Dachauer Hefte 21 Heiko Pollmeier Inhaftierung und Lagererfahrung deutscher Juden im November 1938 In Jahrbuch fur Antisemitismusforschung 8 1999 ISBN 3 593 36200 7 S 105 130 Nie mehr zuruck in dieses Land Augenzeugen berichten uber die Novemberpogrome 1938 Uta Gerhardt Thomas Karlauf Propylaen Berlin 2009 ISBN 978 3 549 07361 2 Quellen Bearbeiten Die Aktionsjuden im Konzentrationslager Buchenwald Augenzeugenbericht von Siegfried Katzmann In Anschlage Magazin fur Kunst und Kultur Heft 1 November 1985 ISSN 0178 9937 Paul Martin Neurath uber Krankheit und Tod im Konzentrationslager 1938 Dokument VEJ 2 229 In Susanne Heim Bearb Die Verfolgung und Ermordung der europaischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 1945 Quellensammlung Band 2 Deutsches Reich 1938 August 1939 Munchen 2009 ISBN 978 3 486 58523 0 S 634 638 Siegfried Neumann berichtet uber seine Haft in Sachsenhausen Ende 1938 Dokument VEJ 2 227 In Susanne Heim Bearb Die Verfolgung und Ermordung der europaischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 1945 Quellensammlung Band 2 Deutsches Reich 1938 August 1939 Munchen 2009 ISBN 978 3 486 58523 0 S 621 632 Weblinks BearbeitenDokument GeStaPo Kassel betr Entlassung des Schutzhaftlings H B aus dem KZ Buchenwald 13 Dezember 1938 Ehemaliger Frontsoldat stirbt in Buchenwald Bericht des Mindener Tageblattes 9 Juni 2007 uber den Aktionsjuden Notar Eugen Leeser PDF 70 kB Aktionsjuden aus Syke bei Bremen uberleben die Zeit im KZ Buchenwald Einzelnachweise Bearbeiten Wolfgang Benz Barbara Distel Hrsg Der Ort des Terrors Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager Bd 1 Die Organisation des Terrors Munchen 2005 ISBN 978 3 406 52961 0 S 156 und S 161 Kim Wunschmann Before Auschwitz Jewish prisoners in the prewar concentration camps Harvard University Press 2015 ISBN 978 0674967595 S 168 Wolfgang Benz Mitglieder der Haftlingsgesellschaft S 179 Wolfgang Benz Mitglieder der Haftlingsgesellschaft auf Zeit Die Aktionsjuden 1938 39 In Dachauer Hefte 21 2005 ISBN 3 9808587 6 6 S 187 Stefanie Schuler Springorum Masseneinweisungen in Konzentrationslager In Wolfgang Benz Barbara Distel Hrsg Der Ort des Terrors Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager Band 1 Die Organisation des Terrors C H Beck Munchen 2005 ISBN 3 406 52961 5 S 161 mit Anm 2 auf S 164 Tagebuchaufzeichnung uber den Abend des 9 November 1938 Dokument VEJ 2 363 in Susanne Heim Bearb Die Verfolgung und Ermordung der europaischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 1945 Quellensammlung Band 2 Deutsches Reich 1938 August 1939 Munchen 2009 ISBN 978 3 486 58523 0 S 365 Dokument PS 374 in IMT Der Nurnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher fotomech Nachdruck Munchen 1989 Bd 25 ISBN 3 7735 2521 4 S 376f auch VEJ 2 125 Dokument PS 3051 in IMT Der Nurnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher fotomech Nachdruck Munchen 1989 Bd 31 ISBN 3 7735 2524 9 S 517 auch VEJ 2 126 Heiko Pollmeier Inhaftierung und Lagererfahrung deutscher Juden im November 1938 In Jahrbuch fur Antisemitismusforschung 8 1999 ISBN 3 593 36200 7 S 108 Wolfgang Benz Mitglieder der Haftlingsgesellschaft S 191 Wolfgang Benz Mitglieder der Haftlingsgesellschaft S 180 Heiko Pollmeier Inhaftierung und Lagererfahrung S 111 Barbara Distel Die letzte ernste Warnung vor der Vernichtung S 986 Heiko Pollmeier Inhaftierung und Lagererfahrung S 110 17 Todesfalle von August Oktober 187 von November bis Januar bei Verdoppelung der Haftlingszahl Vergl Barbara Distel Die letzte ernste Warnung vor der Vernichtung S 987f Heiko Pollmeier Inhaftierung und Lagererfahrung S 116 Wolfgang Benz Mitglieder der Haftlingsgesellschaft S 191 Barbara Distel Die letzte ernste Warnung vor der Vernichtung S 989 Susanne Heim Bearb Die Verfolgung und Ermordung der europaischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 1945 Quellensammlung Band 2 Deutsches Reich 1938 August 1939 Munchen 2009 ISBN 978 3 486 58523 0 S 56 Heiko Pollmeier Inhaftierung und Lagererfahrung S 117 Susanne Heim Bearb Die Verfolgung und Ermordung der europaischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 1945 Quellensammlung Band 2 Deutsches Reich 1938 August 1939 Munchen 2009 ISBN 978 3 486 58523 0 S 45 Abgerufen von https de wikipedia org w index php title Aktionsjuden amp oldid 200907060, wikipedia, wiki, deutsches

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